14-Jährige unter Verdacht

Volksverhetzung bei Schulausflug nach Buchenwald? Dieses Lied sollen Grünberger Schüler gespielt haben

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Die Schüler der Theo-Koch-Schule Grünberg waren auf dem Rückweg von der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Buchenwald.

Eine Schule in Grünberg hat drei Schüler angezeigt, weil sie auf der Rückfahrt von einem Besuch im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald antisemitische Lieder abgespielt haben sollen. Der Fall zieht inzwischen weite Kreise. 

  • Grünberger Schüler sollen antisemitische Lieder abgespielt haben
  • Vorfall auf Rückfahrt von Buchenwald-Besuch
  • Straf- und schulrechtliche Konsequenzen möglich

Update, 6.11.2019, 11.34 Uhr: Die Telefone im Sekretariat der Theo-Koch-Schule in Grünberg standen gestern nur selten still. Eine kurze Pressemitteilung der Polizei vom Freitag über den mutmaßlich antisemitischen Zwischenfall sollte drei Tage später Journalisten in ganz Deutschland auf den Plan rufen. Direktor Jörg Keller: "Ich wusste nicht, wie breit die Medienlandschaft aufgestellt ist." 

Wie bereits am Freitag berichtet, stehen drei 14-Jährige im Verdacht, Mitte Oktober ausgerechnet auf dem Heimweg von einem Schulausflug zum ehemaligen KZ Buchenwald antisemitische Lieder abgespielt zu haben. Von im Bus mitreisenden Schülern informiert, gab die Schulleitung den Vorfall weiter. Da es sich um ein Offizialdelikt handelt, nahm die Polizei die Ermittlungen auf. 

Vorfall mit Schülern aus Grünberg: Wohl Landser-Lied gespielt

Nun berichtet die BILD, dass es sich bei dem abgespielten Lied um das Stück "Mein Opa war Sturmführer bei der SS" der 2003 aufgelösten Rechtsrock-Band "Landser" gehandelt haben soll. Unter anderem heißt es in dem Lied: "Seh' ich auf der Mütze den Totenschädel blitzen und weiß, dass all die Schweine bald schon wieder flitzen."

Update, 5.11.2019, 17.46 Uhr: Nach dem Vorfall in einem Schulbus hat Jörg Keller als Direktor der Theo-Koch-Schule bestätigt, dass im zeitlichen Umfeld der Studienfahrt in einem Unterrichtsraum seiner Schule auch ein Hakenkreuz von Schülern entdeckt worden sei. Diese hätten das von Unbekannten gezeichnete verfassungsfeindliche Symbol, etwa zehn Zentimeter groß, aber sogleich mit einem Aufkleber verborgen. 

Pflichtgemäß hat die Theo-Koch-Schule diesen Vorfall dem Staatlichen Schulamt mitgeteilt, wie dessen Sprecher Dirk Fredl bestätigte. Entsprechende Meldungen gebe es immer wieder mal. Sofern die Symbole denn auffällig würden, "nicht mit dem Kuli in die Bank geritzt werden". Schulen seien natürlich aufgefordert, solcherart Vorfälle pädagogisch aufzuarbeiten. 

Schulleiter in Grünberg: "Wir haben an der Theo-Koch-Schule kein Nazi-Problem"

Bekanntermaßen steckten gerade bei Kindern dieser Altersgruppe, mitten im Prozess der Identitätsfindung, oft "nur" Provokationen dahinter. Fredl: "Doch das hat Grenzen, und die wurden in dem Fall in Grünberg definitiv überschritten."

Zu den drei 14-Jährigen, denen vorgeworfen wird, nach einem Schulausflug zum ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald antisemitische Lieder im Bus abgespielt zu haben, sagt Keller als Direktor der Theo-Koch-Schule: "Die drei sind schulisch nicht Erscheinung getreten, es gibt auch keine auffällige Gruppe an unserer Schule. Wir haben an der TKS kein Nazi-Problem. Seit Jahren schon herrscht in dieser Hinsicht absolute Funkstille". 

Theo-Koch-Schule Grünberg mehrfach für Extremismus-Prävention ausgezeichnet

Das letzte einschlägige Vorkommnis reicht laut Keller ins Jahr 2016 zurück: Im Nachgang zu einem Frauke-Petry-Auftritt in der Gallushalle hatte die Schule einen Vortrag organisiert, der rechtsnationale Tendenzen anprangerte und explizit die AfD kritisierte. Die Folge sei nicht nur ein Shitstorm in den Sozialen Medien gewesen, auch schmierten Unbekannte Hakenkreuze an Schulgebäude.

Der Zwischenfall ereignete sich ausgerechnet an jener Schule, die bereits mehrfach für ihre Arbeit in der Extremismus-Prävention ausgezeichnet wurde. Die sich 1996 als erste in Hessen als "Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage" nicht zuletzt zum Engagement gegen Rechts verpflichtet hat. Wofür die Studienfahrten im Jahrgang 9 nach Buchenwald, wo die Nazis über 50.000 Menschen ermordeten, nur eines von vielen Beispielen sind.

Update, 5.11.2019, 12.32 Uhr: Nach einem mutmaßlich antisemitischen Vorfall auf einem Schulausflug zum ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald drohen den drei verdächtigen Schülern der Theo-Koch-Schule in Grünberg auch schulrechtliche Konsequenzen. Die 14-Jährigen könnten nach Angaben des zuständigen Schulamts der Schule verwiesen werden. 

"Der Fall wird schulisch auf unterschiedlichen Ebenen aufgearbeitet", bestätigt auch der Leiter der betroffenen Theo-Koch-Schule in Grünberg, Jörg Keller. 

Grünberg: Schülern der Theo-Koch-Schule droht auch Schulverweis 

Ob und welche schulrechtlichen Strafen ausgesprochen werden, wird nach Darstellung des Schulamtes jedoch erst nach Abschluss der polizeilichen Ermittlungen entschieden. "Die Ermittlungen haben hohe Priorität - aber sie laufen noch", erklärt eine Sprecherin der Polizei Mittelhessen. Daher könne auch noch nicht gesagt werden, welche antisemitischen oder volksverhetzenden Lieder in dem Bus tatsächlich gesungen wurden.

Laut Schulamt konnten die drei Lehrer, die die Studienfahrt am 15. Oktober begleiteten, den Vorfall nicht beobachten: Die drei 9. Klassen reisten mit einem Doppeldecker-Bus, die Pädagogen hielten sich zum fraglichen Zeitpunkt in einer anderen Etage des Fahrzeugs auf. "Die Lieder waren aber klar im Inhalt", sagte der Sprecher des Schulamts.

Update, 5.11.2019, 11.48 Uhr: Im Fall der drei Schüler der Grünberger Theo-Koch-Schule, die auf der Rückfahrt von einem Besuch im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald antisemitische Lieder abgespielt und mitgesungen haben sollen, zieht inzwischen weitere Kreise. 

Auch der hessische Kultusminister hat sich zu Wort gemeldet. "Hetzerische Lieder und Beleidigungen sind kein Kavaliersdelikt. Den Jugendlichen muss deutlich vor Augen geführt werden, dass wir so etwas in unserem Land nicht dulden", erklärt Alexander Lorz (CDU). 

Grünberg: Lorz will Vorfall nach Buchenwald-Besuch nicht dulden

Der Kultusminister weiter: "Der Fall zeigt, dass wir in unserem Engagement um Werte- und Demokratieerziehung und dezidiert auch bei der Antisemitismusprävention nicht nachlassen dürfen, sondern es vielmehr weiter intensivieren müssen."

Update, 2.11.2019, 16.25 Uhr: Nach dem ersten Verdacht der Volksverhetzung gegen drei 14-jährige Schüler der Grünberger Theo-Koch-Schule ist klar: Der Vorfall hat noch eine zusätzliche brisante Note.

Demnach liegt der Verdacht im Raum, dass die Schüler volksverhetzende Lieder ausgerechnet auf der Rückfahrt von einem Besuch der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Buchenwald abgespielt und gesungen haben. 

Grünberg: Vorfall nach Besuch in KZ-Gedenkstätte Buchenwald

Die Schulleitung hatte Anzeige gegen drei Schüler erstattet. Der Kreis Gießen hatte sich in einer Mitteilung an die Seite der Schulleitung gestellt. Da es um den Verdacht der Volksverhetzung gehe, sei die richtige Konsequenz gewählt worden, sagten Landrätin Anita Schneider (SPD) und Schuldezernentin Christiane Schmahl laut Mitteilung vom Freitag. Vorkommnisse mit solch strafrechtlicher Relevanz müssten bei der Polizei zur Anzeige gebracht werden.

Erstmeldung, 1.11.2019, 18.58: Die Gießener Polizei hat Ermittlungen gegen drei 14-jährige Schüler der Grünberger Theo-Koch-Schule aufgenommen. Grund dafür ist der Verdacht der Volksverhetzung, wie ein Sprecher des Polizeipräsidiums Mittelhessen am Freitag mitteilte. 

Grünberg: Volksverhetzende Lieder bei Schulausflug

Demnach wurde die Polizei am vergangenen Dienstag aktiv, als ihr der Vorfall bekannt wurde. Bisher haben die Beamten festgestellt, dass die Schüler am Dienstag, 15. Oktober, in einem Bus unterwegs waren. 

Während des Schulausflugs soll es dann auf der Rückfahrt in dem Bus zum Abspielen und Singen von volksverhetzenden Liedern beziehungsweise Liedtexten gekommen sein. 

Entsprechende Ermittlungen wurden aufgenommen. Weitere Details nannte die Polizei zunächst nicht – aus ermittlungstaktischen Gründen.

Unweit von Grünberg, in Lich, sorgt derweil ein anonymer Drohbrief an den Bürgermeister für Aufsehen, wie giessener-allgemeine.de* berichtet. Hintergrund sind Pläne für den Bau eines Logistikzentrums. 

tb/fd/dpa

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