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Amokfahrt von Volkmarsen: „Mordanschlag auf feiernde Kinder“ - Nebenklagevertreter äußern sich

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Von: Elmar Schulten, Diana Rissmann

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Blick auf den Tatort nach der Amokfahrt vom Rosenmontag, 24. Februar 2020, in Volkmarsen. Der silberfarbene Mercedes hat mehrere Festzugsteilnehmer und Zuschauer erfasst und schwer verletzt. Archivfoto: Elmar Schulten
Blick auf den Tatort nach der Amokfahrt vom Rosenmontag, 24. Februar 2020, in Volkmarsen. Der silberfarbene Mercedes hat mehrere Festzugsteilnehmer und Zuschauer erfasst und schwer verletzt. © Elmar Schulten

Im Prozess um die Amokfahrt von Volkmarsen fordert der Staatsanwalt lebenslange Haft für Maurice P. - er habe eine ganze Stadt traumatisiert.

Update vom Donnerstag, 02.12.2021, 17.49 Uhr: Die drei Nebenklagevertreter, die die Interessen von drei der insgesamt rund 90 Verletzten vertreten, verwiesen in ihren Plädoyers auf die immer noch anhaltenden Folgen der Amokfahrt. Viele der Opfer sind noch in psychologischer Behandlung, klagen über Schlafstörungen, leiden in vielfältiger Weise im Alltag.

Rechtsanwalt Frank Scheffler, der die Interessen einer Mutter vertritt, deren Kind vom Amokfahrer überrollt wurde und wie durch ein Wunder fast unverletzt gerettet werden konnte, verwies darauf, dass seine Mandantin noch immer in psychologischer Behandlung sei. Sie leide auch darunter, dass die Frage nach dem Warum nach wie vor ungeklärt bleibe.

Opfer der Amokfahrt von Volkmarsen leiden noch immer unter den Folgen

Der Angeklagte habe während der Verhandlung keinerlei Regung gezeigt und auch die Verlesung aller Namen seiner Opfer mit stoischer Ruhe verfolgt. Es sei auch aufgefallen, dass der Angeklagte während der monatelangen Verhandlung nur zwei oder dreimal mit seinen Anwälten gesprochen habe,

Rechtsanwalt Martin Knobloch aus Wolfhagen vertritt eine junge Frau, der nach dem Aufprall des Tatfahrzeuges auf eine Mülltonne ein umherfliegendes Trümmerteil mit hoher Geschwindigkeit ins Gesicht geflogen war. Auch seine Mandantin sei wie durch ein Wunder und dank vieler Operationen mit dem Leben davon gekommen. Die Narbe in ihrem Gesicht werde sie nun aber ein Leben lang begleiten und sie jeden Tag beim Blick in den Spiegel an die Amokfahrt von Volkmarsen erinnern.

Rechtsanwalt Klemens Wirth aus Borchen verwies auf die monatelangen Krankenhausaufenthalte seiner Mandantin und lobte den schnellen Einsatz des Rettungshubschraubers am Unglückstag. Der Angeklagte habe seine körperliche Unversehrtheit wahrscheinlich dem schnellen Einsatz der Polizeibeamten zu verdanken, die ihn zügig von der aufgebrachten Zuschauermenge in Sicherheit gebracht hätten. So viel Glück habe seine Mandantin nicht gehabt, die immer an den Folgen der Tat leide. Ihr Gleichgewichtssinn sei noch gestört, ebenso wie die Sehleistung eines Auges und ihre Konzentrationsfähigkeit.

Amokfahrt in Volkmarsen: Staatsanwaltschaft hält in Kassel ihr Plädoyer

Erstmeldung vom Donnerstag, 02.12.2021, 11.18 Uhr: Volkmarsen/Kassel - Am 25. Prozesstag hält am heutigen Donnerstag (02.12.2021) am Landgericht Kassel die Staatsanwaltschaft ihr Plädoyer - mit Spannung wird das geforderte Strafmaß erwartet. Dem inzwischen 30-jährigen Angeklagten Maurice P., der sich seit Anfang Mai vor dem Kasseler Landgericht verantworten muss, wird vorgeworfen, sein Auto mit voller Absicht in den Rosenmontagszug in Volkmarsen im nordhessischen Waldeck-Frankenberg gesteuert zu haben, um auf diese Weise eine möglichst große Anzahl von Menschen zu töten.

Wie durch ein Wunder wurde bei dieser schrecklichen Tat aber niemand getötet. Dafür aber wurden rund 90 Zuschauer und Festzugteilnehmer teilweise so schwer verletzt, dass sie über Monate in Krankenhäusern behandelt werden mussten. Dutzende Opfer der Amokfahrt sind noch immer in psychologischer Behandlung.

Sie trugen nacheinander ihre langen Anklageschriften vor: Staatsanwalt Dr. Tobias Wipplinger von der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt und seine Kollegin Melike Aydogdu von der Staatsanwaltschaft Kassel vor einem zum Gerichtssaal umfunktionierten Konzertsaal der Stadthalle Kassel.
Sie trugen nacheinander ihre langen Anklageschriften vor: Staatsanwalt Dr. Tobias Wipplinger von der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt und seine Kollegin Melike Aydogdu von der Staatsanwaltschaft Kassel vor einem zum Gerichtssaal umfunktionierten Konzertsaal der Stadthalle Kassel. © Elmar Schulten

Amokfahrt von Volkmarsen: Maurice P. raste mit bis zu 60 km/h über 60 Meter durch die Menschenmenge

Ein Kfz-Sachverständiger hat dargelegt, dass das Fahrzeug mit 50 bis 60 Kilometern pro Stunde in die Menge beim Rosenmontagsumzug in Volkmarsen gefahren ist. Rund 63 Meter sei Maurice P. laut dem Sachverständigen durch die Menge gefahren - dabei wurden 88 Menschen verletzt, darunter 26 Kinder. 27 der Verletzten wurden im Krankenhaus behandelt, zwei schwebten über Wochen und Monate in Lebensgefahr. Viele der Opfer leiden immer noch unter dem Trauma.

Staatsanwalt Dr. Tobias Wipplinger von der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt wertet die Amokfahrt als versuchten Mord in 89 tateinheitlichen Fällen und gefährliche Körperverletzung in 88 Fällen sowie als gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr. Vor dem Plädoyer hat die Kasseler Staatsanwältin Melike Aydogdu rund 80 Minuten lang noch einmal minutiös den Tatverlauf geschildert und klargestellt, dass der Angeklagte planvoll, wissend und wollend in die Menge gefahren ist. Auch sei das Fahrzeug nicht defekt gewesen.

Staatsanwalt im Prozess zur Amokfahrt wird deutlich: Skrupelloser Vernichtungswille

Im Anschluss nahm sich Wipplinger in seinem Plädoyer über zwei Stunden Zeit und wurde deutlich: Das war „ein Mordanschlag auf feiernde Kinder“. Deshalb fordert die Staatsanwaltschaft nicht nur lebenslängliche Haft, sondern auch die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Dann wird nach 15 Jahren nicht automatisch geprüft, ob die lebenslange Freiheitsstrafe abgekürzt werden kann.

Wipplinger spruicht in seinem Plädoyer von einer hohen kriminellen Energie des Angeklagten, von einem Vernichtungswillen und Skrupellosigkeit. „Er hat die eine ganze Stadt traumatisiert“. Die Schuldfähigkeit von Maurice P. sieht er nicht gemindert - er habe genau gewusst, was er tat, wirft er dem Angeklagten vor. Zudem hat er beantragt, dass im Urteil der Vorbehalt der Sicherungsverwahrung vermerkt wird. Damit ist eine Sicherungsverwahrung im Anschluss an die Haftzeit nicht ausgeschlossen, allerdings hat der Angeklagte im Falle einer Verurteilung dann später die Chance diese Verwahrung abzuwenden, in dem er im Gefängnis an sich arbeitet und unter anderem eine Therapie macht. Zudem wurde beantragt, dass der Führerschein von Maurice P. sowie das Tatfahrzeug eingezogen werden sollen.

Prozessauftakt im Mai: Der mutmaßliche Amokfahrer Maurice P. bekommt am ersten Prozesstag von Justizwachtmeistern und seinen Verteidigern Bernd Pfläging und Susanne Leyhe einen Sitzplatz zugewiesen.
Prozessauftakt im Mai: Der mutmaßliche Amokfahrer Maurice P. bekommt am ersten Prozesstag von Justizwachtmeistern und seinen Verteidigern Bernd Pfläging und Susanne Leyhe einen Sitzplatz zugewiesen. © Andreas Fischer

Amokfahrt von Volkmarsen: Psychiatrisches Gutachten bestätigt Schuldfähigkeit

Die Beweisaufnahme und die Einvernahme von rund 180 Zeugen* - insgesamt wurden 182 Zeugen vernommen und die Staatsanwaltschaft hätte noch 200 weitere in den Akten gehabt - habe eindeutig ergeben, dass der Angeklagte, der unmittelbar nach der Tat von Polizeibeamten in Zivil am Steuer seines Mercedes Kombi festgenommen wurde, bei seiner Tatausführung planvoll, ruhig und besonnen vorgegangen sei und weder unter Drogen noch Alkoholeinfluss gestanden habe. Es hätten sich keine Hinweise auf eine extremistische oder politische Motivation ergeben. Auch eine Beziehungstat sei auszuschließen, weil der Angeklagte keinerlei soziale Interaktion gezeigt habe.

Das psychiatrische Gutachten habe zudem ergeben, dass der junge Mann zur Tatzeit die volle Einsichtsfähigkeit in das Unrecht seiner Tat besessen habe und deshalb auch voll schuldfähig sei. Die gleichzeitig bescheinigte Persönlichkeitsstörung mit schizoiden und narzistischen Zügen habe wahrscheinlich seinen tiefgreifenden Hass auf andere Menschen ausgelöst und seinen Wunsch reifen lassen, sich an seinen Mitmenschen zu rächen.

Amokfahrt in Volkmarsen: Mehrere Mordmerkmale beim Tatversuch erfüllt

Seine Äußerung gegenüber einer Nachbarin, er werde bald in der Zeitung stehen, deute darauf hin, dass der Angeklagte nach Beachtung strebte. Denkbar sei auch, dass er sich von der Amokfahrt etwas Nervenkitzel und Adrenalin in seinem ansonsten eher von Langeweile geprägten Leben zu erleben. All das seien Motive, die das Mordmerkmal der „niederen Beweggründe“ erfüllten.

Ringsherum nur Fassungslosigkeit: Die zersplitterte Windschutzscheibe lässt erahnen, mit welcher Wucht der Amokfahrer die Zuschauer beim Rosenmontagszug erfasst hat.
Ringsherum nur Fassungslosigkeit: Die zersplitterte Windschutzscheibe lässt erahnen, mit welcher Wucht der Amokfahrer die Zuschauer beim Rosenmontagszug erfasst hat. © Elmar Schulten

Aber auch die Mordmerkmale der Heimtücke und der Verwendung eines gemeingefährlichen Mittels seien einschlägig, warum der Angeklagte aus Sicht der Staatsanwaltschaft auf jeden Fall wegen versuchten Mordes zu verurteilen sei.

Amokfahrt in Volkmarsen: Vergebliches Warten auf ein Wort der Entschuldigung

Weil die vom Gericht beauftragte Gutachterin zudem festgestellt habe, dass bei dem Angeklagten eine Wiederholung der Tat nicht auszuschließen sei, beantragte Staatsanwalt Dr. Wipplinger, dass der Angeklagte nach Verbüßung seiner Freiheitsstrafe in Sicherungsverwahrung genommen werden solle. Nur so könne die Gesellschaft vor weiteren Taten des Mannes geschützten werden.

Der Angeklagte selbst schwieg trotz mehrfacher Aufforderungen seiner Opfer während der gesamten Prozessdauer. Nun bleibt abzuwarten, ob er am letzten Prozesstag nach dem Plädoyer seines Verteidigers doch noch sein Schweigen bricht und über seine Motivation spricht. Für ein Wort des Bedauerns wäre es jetzt aber wahrscheinlich zu spät.

Prozess um Amokfahrt in Volkmarsen: Verteidigung hat am 9. Dezember das Wort

Die drei Nebenklagevertreter, die die Interessen von drei der insgesamt rund 90 Verletzten vertreten, verwiesen in ihren Plädoyers auf die immer noch anhaltenden Folgen der Amokfahrt. Viele der Opfer sind noch in psychologischer Behandlung, klagen über Schlafstörungen, leiden in vielfältiger Weise im Alltag.

Die Strafverteidiger Bernd Pfläging und Susanne Leyhe
Die Strafverteidiger Bernd Pfläging und Susanne Leyhe vertreten im Prozess um den Amokfahrer von Volkmarsen den Angeklagten. © Elmar Schulten

Die Verteidigung erhält bei der Fortsetzung des Prozesses am Donnerstag, 9. Dezember, das Wort. Das Gericht tagt dann - wieder unter Einhaltung der Corona-Regeln - ab 9 Uhr in der Stadthalle von Kassel. (Elmar Schulten)

Wie ist es jemanden wie Maurice P. vor Gericht zu vertreten? Im Podcast spricht Strafverteidiger Bernd Pfläging über seinen Job*. *hna.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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