Deutsche Gesellschaft für Neurologie

AstraZeneca-Impfung: Studie zu Nebenwirkungen – Doch mehr bei Frauen Ü60 betroffen? 

Der Impfstoff von AstraZeneca ist in Deutschland für alle Impfwilligen freigegeben worden. Eine neue Studie weist jedoch auf ein erhöhtes Thromboserisiko hin – auch bei Frauen über 60.

Am 6. Mai hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn den Corona-Impfstoff von AstraZeneca für alle Impfwilligen freigegeben* – ohne Priorisierung nach Alter, Vorerkrankung oder Berufsgruppe. Damit können sich alle Menschen in Deutschland künftig bei ihrem Hausarzt impfen lassen. Besonders attraktiv ist dies vor dem Hintergrund, dass Genese und vollständig Geimpfte gewisse Freiheiten wiedererlangen*. Aber die Ständige Impfkommission empfiehlt den Impfstoff von AstraZeneca vornehmlich für Menschen über 60 Jahren. Wer jünger ist, kann auf eigenen Wunsch und nach ausführlicher Aufklärung trotzdem mit AstraZeneca geimpft werden. Hintergrund der beschränkten Empfehlung sind mehrere Fälle von Hirnvenenthrombosen, die in einem zeitlichen Abstand zur Corona-Impfung aufgetreten sind. Besonders häufig sind jüngere Frauen betroffen gewesen.

Eine aktuelle Analyse der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) legt jetzt nahe, dass auch Frauen über 60 ein erhöhtes Risiko für die seltene Nebenwirkung haben. Das hat das Forscherteam um Prof. Jörg Schulz, Professor für restaurative Neurobiologie an der Universitätsklinik Aachen herausgefunden und die Ergebnisse am Dienstag, 4. Mai, auf dem Preprint-Server medRxiv veröffentlicht. Die müssen jedoch noch von unabhängigen Experten begutachtet werden. Das berichtet HEIDELBERG24*.

Neue Studie zu AstraZeneca: So ist die Deutsche Gesellschaft für Neurologie vorgegangen

Mithilfe eines digitalem Fragebogens hatte die DGN alle neurologischen Kliniken Deutschlands gebeten, Hirnvenenthrombosefälle oder andere Formen von Blutungen im Gehirn, die nach einer Corona-Impfung aufgetreten sind zu erfassen.

Bis zum 14. April sind 87 Meldungen bei der Deutschen Gesellschaft für Neurologie eingegangen, 62 von ihnen standen im Zusammenhang mit einer Corona-Impfung. In 45 Fällen handelte es sich um Hirnvenenthrombosen, meist schon nach der ersten Corona-Impfung. Bei 37 dieser Fälle ist die Hirnvenenthrombose nach der Impfung mit dem Vakzin von AstraZeneca aufgetreten. Die restlichen acht sind nach einer Impfung mit dem Corona-Impfstoff von BioNTech und Pfizer erfolgt. Elf Betroffene sind gestorben.

Anhand mehrerer Kriterien bewertete die Forschergruppe, wie wahrscheinlich ein ursächlicher Zusammenhang mit der Corona-Impfung gewesen ist. Bei 19 der 45 Fälle von Hirnvenenthrombosen haben die Forscher einen Zusammenhang als wahrscheinlich bewertet.

AstraZeneca: Wie hoch ist das Risiko einen Hirnvenenthrombose nach Geschlecht und Alter?

Um das Risiko für eine Hirnvenenthrombose durch eine Impfung je nach Alter und Geschlecht zu bestimmen, nutzte das Team Impfdaten nach der Erstimpfung aus neun Bundesländern. In den restlichen Bundesländern werden diese Daten nicht aufgeschlüsselt. Das Ergebnis:

  • Die Rate einer Hirnvenenthrombose war nach einer Impfung mit dem Vakzin von AstraZeneca ist 9 Mal höher als nach einer Corona-Impfung mit dem Vakzin von BioNTech und Moderna.
  • Bei Frauen war die Rate im Vergleich zu den Männern um mehr als dreimal erhöht.

Wie oft kommen Hirnvenenthrombosen im Alltag vor?

Als Maßstab gilt ein Beobachtungszeitraum von einem Jahr. Innerhalb dieses Zeitraums werden 100.000 Personen beobachtet. Unabhängig von einer Impfung treten hierbei durchschnittlich 0,22 bis 1,75 Hirnvenenthrombosen auf. Dieser Maßstab wird mit dem Ausdruck „Personenjahr“ umschrieben. Zudem steht fest: Frauen sind häufiger betroffen als Männer.

Seltene Nebenwirkung durch AstraZeneca: Hirnvenenthrombosen pro 100.000 Personenjahre

Probanden Hirnvenenthrombosen-Fälle
Frauen insgesamt23,5
Frauen unter 60 Jahren24,24
Frauen über 60 Jahren20,52
Männer insgesamt 6,2
Männern unter 608,86
Männern über 600
Männer und Frauen insgesamt 17,9

Die DGN-Studie stellt beim Impfstoff von AstraZeneca abschließend fest: In 62 Prozent lag ein direkter Zusammenhang von Hirnvenenthrombosen mit der Verabreichung des Vakzins vor.

Wie oft kommt eine Hirnvenenthrombose nach einer BioNTech oder Moderna-Impfung vor?

Bei den BioNTech-Impflingen wurden 1,3 Thrombose-Fälle pro 100.000 Personenjahre verzeichnet. Davon steht keine in einem direkten Zusammenhang mit der Impfung. Bei den Moderna-Impflingen gab es gar keinen Fall der seltenen Nebenwirkung.

Bei den unter 60-jährigen BioNTech-Geimpften war die Rate bei Frauen und Männern mit 3,5 und 3,6 nahezu gleich. Bei den über 60-Jährigen gab es keinen einzigen Fall, bei den Frauen lag die Rate bei 0,8 pro 100.000 Personenjahre.

Hirnvenenthrombose nach AstraZeneca-Impfung: DGN-Präsident fordert neue Risiko-Nutzen-Bewertung

Prof. Christian Gerloff, Präsident der DGN, kommentiert das Studienergebnis wie folgt: „Das Sicherheitssignal, dass nicht nur jüngere, sondern auch ältere Frauen ein erhöhtes Risiko für Sinus- und Hirnvenenthrombosen nach Impfung mit dem Astrazeneca-Vakzin haben, ist neu und muss transparent kommuniziert werden.“ Die Studienautoren hoffen, dass sich das Paul-Ehrlich-Institut und die Ständige Impfkommission (Stiko) sich ihre Arbeit zeitnah ansehen.

„Bei der Abwägung muss auch berücksichtigt werden, dass das Risiko einer Sinus-Venenthrombose bei einer Covid-19-Infektion um den Faktor 10 erhöht ist, die Erkrankung führt verhältnismäßig häufig zu thrombotischen Ereignissen mit Todesfolge, die Impfung nur extrem selten“, so Hans-Christoph Diener, Pressesprecher der DGN, gegenüber dem Spiegel.

AstraZeneca: Risiko von seltener Nebenwirkung auch bei Frauen über 60? Stiko-Mitglied ist skeptisch

Rüdiger von Kreis, Mitglied der Stiko, äußert gegenüber dem Spiegel, dass er eine Änderung der Empfehlung auf der Basis der Studie für nicht notwendig hält. Die Meldungen von Hirnvenenthrombosen und anderen Blutgerinnseln sei stark zurückgegangen seitdem man die Altersempfehlung geändert hat. „Würde es vermehrt Fälle bei über 60-jährigen Frauen geben, müssten wir die sehen“, ist er sich sicher. In der DGN-Studie seien nur wenige Fälle in der Altersgruppe über 60 ausgewertet worden. (kp) HEIDELBERG24* ist ein Angebot von IPPEN-MEDIA

Rubriklistenbild: © Jens Büttner/dpa

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