Klingonen, Sporenantrieb, Story und Crew

So wenig Trekkie-Feeling steckt in „Star Trek: Discovery“

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Hauptfigur Michael Burnham passt zu Beginn der Serie so gar nicht in das Bild, das viele Fans von Star-Trek-Offizieren haben.

Star Trek ist im Netflix-Zeitalter angekommen. Auf der Plattform ist gerade die erste Hälfte der ersten Staffel der Serie „Discovery“ abgelaufen. Technisch bleibt die Produktion nichts schuldig. Doch was viele Trekkies vermissen, lässt sich am besten als die Seele des 40 Jahre alten Franchise beschreiben.

Damit wir uns nicht falsch verstehen. Die Serie hat durchaus auch ihre positiven Seiten. Die Weltraumschlachten machen einen guten Eindruck, ein Großteil der technischen Details wirkt handwerklich stimmig und der Sound der Serie unterstreicht eine angenehme Star-Trek-Atmosphäre. Was also sorgt dafür, dass „Discovery“ zwar als SciFi-Serie durchaus zu gefallen vermag, echte Trekkies aber Probleme mit der Produktion haben?

Die Klingonen

Bereits viele Monate vor der Premiere der neuen Serie waren die Klingonen und ihr neuer Look das alles beherrschende Thema bei den Fans. Klar, dass die stets gewaltbereiten Krieger schon einmal ein größeres Facelifting verpasst bekommen haben, ist mittlerweile die vielleicht beste Entscheidung im Lauf ihrer Entwicklung. Dadurch wurden sie unverwechselbare Gegner eines jeden friedlebenden Sternenflottenmitglieds.

Die Klingonen sind das am meisten diskutierte Element von „Star Trak: Discovery“.

Das erneut aktualisierte Aussehen erinnert nun aber eher an verunglückte Reptilien, die es zu lange versäumt haben, ihre alte Haut gegen eine größere, passende Hülle zu tauschen. Ohne jeglichen Haarwuchs und mit vielen unterschiedlichen Hautfarben ist das Volk von Worf und B'Elanna Torres nun mehr Alien als je zuvor. Und gerade dadurch auch reichlich gewöhnungsbedürftig.

Während beim Sprung vom Klingonen-Stil der ersten Serie in den 60er-Jahren hin zu den modernen Vertretern dieser Spezies seit „Star Trek: Der Film“ lange kein Wort über ihre Veränderung gefallen war und am Ende ein genetisches Experiment als Ursache genannt wurde, sehen sich dieses Mal bisher die Fans gezwungen, eine Erklärung für die neuen Visagen zu finden. Eine offizielle Begründung steht noch aus, erste Schritte zum neuen Look gab es aber bereits im Film „Star Trek: Into Darkness“.

Zu allem Überfluss reden die Klingonen neuerdings, wie ihnen der Mund verwachsen ist. Irgendwie blechern, aber immerhin in ihrer bei vielen Fans überaus beliebten und bis ins Detail ausgearbeiteten Sprache. Auf Wunsch blendet Netflix sogar Untertitel auf klingonisch ein.

Der technische Fortschritt

Die erste Staffel von „Star Trek: Discovery“ spielt zehn Jahre vor der allerersten Star-Trek-Serie „Raumschiff Enterprise“ mit der Crew um James T. Kirk und Mr. Spock. Dennoch strotzt die Serie nur so vor Hightech. Auf der einen Seite hat sich das ästhetische Empfinden seit 1966, der Uraufführung der Serie, natürlich erheblich gewandelt. Ein Schritt zurück in die 60er-Jahre wäre dem heutigen Publikum wohl nicht zu verkaufen gewesen. Und letztlich ist das Look&Feel der Discovery auch gelungen. 

Andererseits erhebt die Serie den Anspruch, die Lücke zwischen den Serien „Enterprise“ (2151 bis 2155) und „Raumschiff Enterprise“ (2265 bis 2269) inhaltlich ein wenig zu schließen, führt allerdings einige Elemente ein, die nicht so recht in den Kanon des Franchise passen wollen. Der Sporenantrieb eröffnet zwar eine frische Form der Erzählung, findet allerdings schon bei Kirk und Spock keinerlei Erwähnung mehr. Irgendwie fühlt sich diese Technik fehl am Platz an:

Auch die Tarntechnologie der Klingonen ist derart mächtig, dass das bekannte Gleichgewicht im Sektor aus den Fugen gerät. Dieser Umstand sorgte während der ersten Folgen durchaus für Unmut bei den Fans. Eine mögliche Lösung bietet sich nun zum Abschluss der ersten neunteiligen Episode der Serie: Mithilfe des Sporenantriebs gelingt es der Crew, die Technik der Klingonen zu überwinden und dem blutigen Krieg womöglich eine entscheidende Wende zu geben. Viel Zeit, um das aus der Kirk-Zeit bekannte Verhältnis zwischen der Föderation und dem Klingonischem Imperium herbeizuführen, haben die Macher dennoch nicht.

Crew und Handlung

„Star Trek: Discovery“ startete mit einer Doppelfolge, in der das erste Aufeinandertreffen mit den lange abwesenden Klingonen in einer ausgewachsenen Raumschlacht gipfelt. Die dritte Folge spielt sechs Monate nach dem Piloten und führt neben der U.S.S. Discovery auch eine handvoll Crewmitglieder ein. An diesem Punkt und immer wieder schlägt die Handlung anschließend Haken, das große Ziel bliebt bis zur letzten Szene der neunten und bisher letzten Folge offen.

Der Konflikt mit den Klingonen wird teilweise fortlaufend erzählt, teilweise wirkt er als arg bemühter Aufhänger für kleine Nebenplots, die innerhalb einer Folge abgehandelt werden. So wie Star Trek über Jahrzehnte immer wieder gut funktioniert hat.

Was den aktuellen Serienmachern nicht gelingt, ist es, den Geist von Star Trek gleich von Beginn an einzufangen. So explodieren Schiffe in rauen Mengen, die Sternenflotte setzt dem Krieg mit den Klingonen kaum diplomatisches Bemühen entgegen und zu allem Überfluss wirkt die Crew, als sei sie aus lauter Einzelkämpfern zusammengewürfelt worden.

So fehlen über weite Strecken der ersten Staffelhälfte Möglichkeiten, sich mit der Discovery-Besatzung zu identifizieren. Allen voran die Hauptfigur Michael Burnham gibt sich alle Mühe, unnahbar und allzu abgebrüht Zuschauer und Crewmitglieder auf eine harte Probe zu stellen.

Da liegt die Vermutung nahe, dass der „ersten Meuterin“ der Föderation ihre Ausbildung auf Vulkan zu Kopf gestiegen ist. Zumal sie mit dem Heimatplanet von Mr. Spock derart eng verwoben ist, als dass sie mit Spock-Vater Sarek eine mentale Verbindung teilt, die jede Erarbeitung eines logischen Plotaufhängers in diese Richtung überflüssig macht.

Eines muss man den Machern der Serie zum Ende der ersten neun Folgen allerdings zugute halten: Offenbar war die Ankündigung, der Krieg gegen die Klingonen umfasse die komplette erste Staffel, eine geschickt gelegte falsche Spur mit anschließendem kleinen Aha-Effekt.

Im selben Atemzug hat sich offenbar auch erklärt, warum der übermächtige Sporenantrieb bisher in keiner anderen Star-Trek-Serie zum Einsatz kam und warum die Gefahr durch die Tarntechnologie der Klingonen bis zur Zeit von Kirk und Co. wieder auf ein angemessenes Maß geschrumpft ist.

Fazit

Gauner und Schwerenöter Harry Mudd

Nach der ersten Hälfte von Staffel 1 hat „Star Trek: Discovery“ mehrere inhaltliche Wendungen hinter sich. Nach viel Stückwerk in Sachen Story und Charaktere besteht aber immer noch die Chance, das Steuer herumzureißen. Einzelne Lichtblicke für echte Trekkies gab es nämlich auch schon: Harry Mudd - bekannt aus der Original-Serie - zum Beispiel, der im Mittelpunkt einer Folge stand, die das beliebte Star-Trek-Thema Zeitparadoxien gekonnt aufgegriffen hat. Und damit offenbar wiederum bei neuen Fans für Irritationen und Ablehnung gesorgt hat.

So bleibt die neue Serie eine Gratwanderung zwischen bewährten Star-Trek-Tugenden wie Diplomatie und in sich funktionieren Episoden auf der einen sowie Tempo und Düsternis auf der anderen Seite. Während Jean-Luc Picard als größter Diplomat aller Zeiten durchgehen könnte, führt Captain Gabriel Lorca harte Töne an: „Das ist hier keine Demokratie“, heißt es da. Der Krieg ist für ihn die erste Lösung. Diese neue Gangart scheint letztlich unabdingbar, um bei einem breiten Publikum Aufmerksamkeit zu erzeugen. Und vielleicht sind das eben die Zeichen der Zeit, die Star Trek seit jeher aufgegriffen hat und in einer anderen Zeit aufzuzeigen bereit war.

Captain Gabriel Lorca tut alles für einen Sieg über die Klingonen.

Nun liegt es an der Umsetzung der Wendung in der neunten Folge, ob die Crew der Discovery zusammenfindet, der bisher kaum spürbare Star-Trek-Entdeckergeist zurückehrt und die Story in klare Bahnen gelenkt werden. Ordentlich Wind macht die Serie bereits - und wird auch viel diskutiert - ob sie im Gegensatz zur letzten TV-Produktion „Enterprise“ eine echte Herzensangelegenheit für Trekkies wird, liegt somit noch in den unendlichen Weiten der Autoren-Notizbücher verborgen.

Marvin Köhnken (Kreiszeitung.de). Kreiszeitung ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes.

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