Serie: Legendäre Waldhof-Spiele 

Sensationssieg 1996: SVW packt die ‚Roten Teufel‘ bei den Hörnern  

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Verteidiger Dennis Mackert nimmt Top-Stürmer und Vize-Europameister Pavel Kuka aus dem Spiel

Mannheim-Waldhof - In unserer Serie „Legendäre Waldhofspiele“ blicken wir auf unvergessliche Fußballmomente des SVW und rufen die glorreichen Duelle wieder ins Gedächtnis zurück. 

Für jeden alteingesessenen Waldhof-Fan bleibt der 15. Spieltag der 2. Bundesliga vom 23. November 1996 ein unvergessliches Erlebnis. An jenem Samstag gastiert der Erzrivale aus Kaiserslautern im Carl-Benz-Stadion und damit findet nach einer Durststrecke von sechseinhalb Jahren wieder ein Kurpfälzisch-Pfälzisches Derby in Mannheim statt. 

An diesem bitterkalten Spätherbsttag boxt Henry Maske um den Weltmeistertitel im Halbschwergewicht, im Bonner Kanzleramt wird Pfälzer Saumagen zum Abendbrot serviert und das Ticket zum Derbyschlager wird noch in D-Mark bezahlt. 

Der SV Waldhof findet sich nach drei knapp verpassten Aufstiegen zwischen den Jahren 1991 und 1995 im November 1996 im Abstiegskampf wieder. Viel zu wenig für den ambitionierten Zweitligisten, der nach dem Stadionneubau - Mitte der 90er Jahre ein absolutes „Schmuckkästchen“ - die Rückkehr ins Fußballoberhaus anstrebt. 

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David gegen Goliath im Carl-Benz-Stadion 

Folglich ist die Stimmung mehr als getrübt und entspricht dem unwesentlich über dem Gefrierpunkt liegenden nasskalten Wetter: Ganz Deutschland liegt an diesem Novembertag unter einer dicken Wolkendecke. Aus den Scheinwerfern des Stadions brennt das Flutlicht bereits am Nachmittag und so erstrahlt die Arena von Weitem sichtbar im endlos erscheinenden Grau.  

Alles ist angerichtet für ein magisches Fußballfest, doch nur die hartgesottensten Optimisten glauben daran, dass der SV Waldhof dem großen FCK Paroli bieten kann. Der Abstieg des 1. FCK ist in der Augen nahezu aller Zeitgenossen lediglich ein unglücklicher Betriebsunfall, daher rechnen viele Beobachter mit einem Arbeitssieg des ungeschlagenen Tabellenführers beim abstiegsbedrohten SVW.  

In der Saison 1996/97 finden selten mehr als 7.000 Fans ihren Weg ins Carl-Benz-Stadion. Gegen den Nachbarn aus der Pfalz ist die heimische Sportstätte mit knapp unter 27.000 Zuschauern erstmals seit der Eröffnung wieder ausverkauft. 

Unter vorgehaltener Hand munkelt man, dass viele Tribünengäste einzig zur Bewunderung der Gästemannschaft gekommen sind, denn die Lauterer treten in Mannheim mit, einem für Zweitligaverhältnisse bis dahin beispiellosen, Starensemble an. 

Angeführt von Trainerlegende Otto Rehhagel, der den großen FC Bayern noch im selben Kalenderjahr ins UEFA-Pokalfinale geführt hat, tummelt sich zahlreiche Prominenz auf dem Mannheimer Rasen. Darunter die tschechischen Vize-Europameister Pavel Kuka und Miroslav Kadlec, die nur wenige Monate zuvor das Finale auf dem ‚heiligen‘ Rasen von Wembley gegen die DFB-Auswahl verloren haben. Der SVW ist krasser Außenseiter!  

EM 1996 - Der deutsche Torwart Andreas Köpke (M.) fängt den Ball vor dem Tschechen Pavel Kuka (2.v.l.)

  

Einer der Hauptprotagonisten an jenem Tag ist ein junger Debütant, den vor Anpfiff niemand auf dem Zettel hat. Erst am Mittag informiert Waldhof-Trainer Günter Sebert einen Nachrücker aus der zweiten Mannschaft, dass er von Beginn an aufläuft. Mit Dennis Mackert (19) hat ein Verbandsliga-Verteidiger die Aufgabe Lautern-Topstar Kuka in Schach zu halten. 

Waldhof ärgert den haushohen Favoriten 

Nach einer recht ereignislosen ersten Halbzeit ist der 0:0 Spielstand bereits ein Erfolg für den sowohl kämpferisch, als auch spielerisch überzeugenden SVW. Vor allem Waldhof-Mittelfeldspieler Fabrizio Hayer weiß an diesem Nachmittag zu überzeugen. Nachdem der umkämpfte Ball einmal mehr ins Aus kullert, peitscht Hayer die Fans in der Süd-West-Kurve mit energischem Armrudern an - das Stadion bebt!   

Im zweiten Abschnitt weicht die Euphorie allmählich einem bangen Zittern. Ein Gegentor wäre nach dieser Leistung ein absoluter Tiefschlag. Die Angst vor einer drohenden Niederlage ist zu diesem Zeitpunkt durchaus begründet, denn offensiv treten die Hausherren für lange Zeit kaum in Erscheinung. Bis zur 76. Minute: Jens Gerlach flankt von rechts in den Strafraum, dort schraubt sich Andrzej Kobylanski über Lautern-Urgestein Axel Roos in die Höhe und köpft den Ball an Torwart-Veteran Gerry Ehrmann unhaltbar ins lange Eck - der Rest ist grenzenloser Jubel! 

Alois Schwarz macht den Sack zu 

Völlig unverhofft sind die Waldhöfer nun auf der Siegesstraße, doch noch ist eine Viertelstunde zu spielen und der FCK antwortet mit wütenden Angriffen - das Bangen geht weiter. Als die Spannung für die Waldhof-Fans kaum noch zu ertragen ist, leitet Norbert Hofmann mit einem Pass auf Alois Schwartz einen Entlastungsangriff ein. Dieser wird aber von einer Überzahl an Abwehrspielern vor dem Strafraum gestellt. 

Schwartz fasst sich ein Herz und zieht aus über 20 Metern ab - der Abschluss ist geradezu kläglich, weder platziert noch fest getroffen. Der Ball setzt direkt vor Ehrmann auf und rutscht dem Torwart-Oldie in Slapstick-Manier durch die Schlappen. Die Sensation ist perfekt! 

Nach dem Schlusspfiff wird die siegreiche Mannschaft frenetisch von den Anhängern gefeiert. Minuten nachdem sich die Derby-Helden von den Fans verabschiedet haben, verharrt das Publikum noch auf der Fantribüne. Gemeinsam singt man den aus den Stadionlautsprechern röhrenden Queen-Klassiker „We are the Champions“. 

Für einen Moment ist jedem auf dem Rang klar: Das ist die Bundesligaatmosphäre nach der sich die leidgeprüften Waldhof-Fans sehnen (und die dem Arbeiterverein aus dem Mannheimer Norden zusteht). 

Auf die große Sause folgt am Ende der Kater: Zum Abschluss der Saison steigt der SV Waldhof in die Regionalliga Süd ab.    

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esk

Quelle: Mannheim24

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