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Rheinland-Pfalz: Jüdisches Kulturgut von UNESCO als Welterbe ausgezeichnet

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Von: Josefine Lenz

Jüdisches Kulturgut als neues Welterbe ausgezeichnet
Blick in das Gebäude der Mikwe, das 1120 im romanischen Baustil errichtet wurde. Das jüdische Ritualbad mit einem Tauchbecken rund zehn Meter unter dem heutigem Straßenniveau in seinem monumentalen Baustil gilt als älteste bekannte Mikwe dieser Art. Zum ersten Mal zeichnete die Unesco jüdisches Kulturgut in Deutschland als Welterbe aus, indem die begehrte Auszeichnung an die sogenannten Schum-Stätten Mainz, Worms und Speyer als eine Wiege des europäischen Judentums ging. © Frank Rumpenhorst/dpa

Rheinland-Pfalz: Erstmals wird jüdisches Kulturgut in Deutschland als Welterbe ausgezeichnet. Jetzt fehlt noch eine wichtige Entscheidung:

Deutschland erhält zwei neue Welterbestätten. Zum ersten Mal zeichnet die Unesco jüdisches Kulturgut in Deutschland aus, indem die begehrte Auszeichnung an die sogenannten Schum-Stätten Mainz, Worms und Speyer als eine Wiege des europäischen Judentums geht. Auch der Niedergermanische Limes als Teil der Grenze des antiken Römischen Reiches wird als neues Welterbe eingestuft. Das zuständige Komitee der UN-Organisation für Bildung, Wissenschaft und
Kultur (Unesco) trifft die Entscheidungen überraschend noch am Dienstag (27. Juli) auf seiner Sitzung im chinesischen Fuzhou.

Rheinland-Pfalz: Neues Welterbe – Jüdische Kultur und Limes am Rhein

Nach der Auszeichnung der Kurorte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen gemeinsam mit acht anderen europäischen Bädern sowie der Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt am Wochenende kann sich Deutschland auf der laufenden Sitzung mit insgesamt vier neuen
Welterbetiteln schmücken. Als Welterbe werden nur Kultur- und Naturstätten von „herausragendem universellen Wert“ ausgezeichnet. Als Verbund bildeten Speyer, Worms und Mainz im Mittelalter das Zentrum des Judentums in Mitteleuropa und wurden auch „Jerusalem am Rhein“ genannt. Schum ist eine Abkürzung aus den mittelalterlichen hebräischen Anfangsbuchstaben der Städte.

„Von Speyer, Worms und Mainz gingen im Mittelalter entscheidende Impulse für die Entwicklung des Judentums in Europa aus“, sagt die Präsidentin der deutschen Unesco-Kommission, Maria Böhmer. „Die drei jüdischen Gemeinden waren Anziehungspunkt für Gelehrte aus nah und fern, sie brachten richtungsweisende Reformen auf den Weg und setzten architektonische Maßstäbe.“ Die Geschichte der jüdischen Gemeinden am Rhein sei aber auch eine Geschichte jahrhundertelanger Verfolgung - von den Pogromen des Mittelalters bis zur fast völligen Auslöschung des europäischen Judentums im Holocaust“, so Böhmer.

Rheinland-Pfalz: Neue Welterbe – Unesco-Chefin betont Wichtigkeit

Nachdem die Diskussion über den Donaulimes als Teil der Grenze des Römischen Reiches am Vortag aus Verfahrensgründen einer Arbeitsgruppe übertragen werden musste, läuft die Auszeichnung des Niedergermanischen Limes hingegen reibungslos. Im Rahmen des seriellen Welterbes „Grenzen des Römischen Reiches“ sind beide Abschnitte einzeln nominiert. Der rund 400 Kilometer lange Niedergermanische Limes mit seinen Kastellen und Legionslagern läuft
entlang des Rheines. Man spricht dort auch vom „nassen Limes“. Antragsteller sind die Anlieger: Die Niederlande sowie Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Der Grenzabschnitt beginnt
in Rheinbrohl in Rheinland-Pfalz und endet an der Nordsee in den Niederlanden. In NRW liegen 220 Kilometer zwischen Bonn und Kleve.

Jüdisches Kulturgut als neues Welterbe ausgezeichnet
Jüdisches Kulturgut als neues Welterbe ausgezeichnet © Frank Rumpenhorst/dpa

Die Grenzregion war ein Zentrum antiker Kultur und der Beginn der Städte im Rheinland. Zu römischen Spuren gehören Militäranlagen, Heiligtümer, Statuen und Alltagsgegenstände. „Entlang des Rheins entwickelten die Römer Kastelle und Siedlungen, aus denen große Städte wie Köln, Bonn und Nijmegen erwachsen sollten“, erklärt die deutsche Unesco-Chefin Böhmer. „Ihr Aufblühen verdanken sie der Tatsache, dass der Limes nicht der Abschottung, sondern immer auch dem Austausch zwischen Rom und seinen Nachbarn diente.“

Die Aufnahme des Niedergermanischen Limes ins Weltkulturerbe soll eine Lücke zwischen zwei bereits geschützten Abschnitten schließen - dem Obergermanisch-Raetischen Limes sowie dem Hadrianswall und einem weiteren in Großbritannien. Mit einer Entscheidung über den Donaulimes kann möglicherweise am Freitag gerechnet werden.

Da Ungarn kurzfristig aus dem gemeinsamen Antrag mit Deutschland, Österreich und der Slowakei ausgestiegen war, stand die Unesco vor einem „beispiellosen Fall“. Der Internationale Rat für Denkmalpflege (Icomos) weist darauf hin, dass ohne Ungarn rund 400 Kilometer des
Donaulimes und damit mehr als die Hälfte der Grenze aus dem Antrag herausgenommen worden seien.

Komitee tagt bis Samstag – So viele Welterbestätten gibt es

Das Welterbekomitee tagt noch bis Samstag online und vor Ort. Es setzt sich aus 21 gewählten Vertragsstaaten der Welterbekonvention zusammen. Es entscheidet in der Regel jährlich über die Einschreibung neuer Kultur- und Naturstätten in die Welterbeliste und befasst sich mit dem Zustand eingeschriebener Stätten. Wegen der Pandemie ist die Tagung im vergangenen Jahr verschoben worden. Auf der Welterbeliste stehen mehr als 1100 Kultur- und Naturstätten in 167 Ländern. 51 davon gelten als bedroht. Deutschland hat jetzt 50 Welterbestätten.

Neue Welterbestätten in Rheinland-Pfalz: Malu Dreyer begeistert –  „Unschätzbarer Wert“

„Es ist ein sehr, sehr großer Erfolg“, sagt Innenminister Roger Lewentz (SPD) in der Steinhalle des Landesmuseums Mainz. Dort hat er auf einer Leinwand die Schlussberatungen der Unesco in der chinesischen Stadt Fuzhou verfolgt. „In Rheinland-Pfalz befinden sich mit dem heutigen Tag sieben Welterbestätten“, so Lewentz - einschließlich der Entscheidung für das Kurbad Bad Ems vom Samstag, zusammen mit zehn anderen europäischen Bädern. Mit den Schum-Stätten werde zum ersten Mal das herausragende jüdische Kulturerbe in Deutschland ins Welterbe aufgenommen. „Das macht uns besonders stolz.“

Lewentz äußert die Hoffnung, das Welterbe der Schum-Stätten auch in Jerusalem präsentieren zu können. „Dies ist ein Tag großer Freude“, sagt die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde von Mainz und Worms, Anna Kischner. Sie hoffe, dass sich der Blick der nun erwarteten Touristen weite für die Schönheit der jüdischen Kultur und dass sie dann Botschafter werden könnten „für die jüdischen Leute, die heute hier am Rhein leben“. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, sprach sprichz einem wichtigen Zeichen, „dass jüdisches Leben, Religion und Kulturseit vielen Jahrhunderten Bestandteil dieses Landes sind“.

Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) bezeichnet die Entscheidung als „Votum von unschätzbarem Wert für die kulturelle und historische Vielfalt in Rheinland-Pfalz“. Die Schum-Stätten seien nicht nur steinerne Zeitzeugen einer außergewöhnlich reichen jüdischen Geschichte. „Sie stehen auch für den Kulturtransfer zwischen Christentum und Judentum und mahnen uns, dies als gemeinsame, große Chance zu sehen“.

In Mainz gehört der als „Judensand“ bezeichnete mittelalterliche Friedhof zu den Schum-Stätten - rund 1000 Jahre nach den ersten Beisetzungen sind dort noch viele historische Grabsteine zu finden. Am Zaun des öffentlich noch nicht zugänglichen Friedhofs wurde am Dienstag ein großer Hinweis auf den Welterbe-Status angebracht. Mit der Aufnahme ins Welterbe gehe ein Traum in Erfüllung, sagt Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD). Für die Stadt sei damit auch eine große Verantwortung verbunden. Mainz bereitet ein Besucherzentrum für Einblicke in den Friedhof vor.
Auch in Worms gibt es einen jüdischen Friedhof, den „Heiligen Sand“, zudem ein Viertel mit Synagoge, Ritualbad (Mikwe) und Museum. OB Adolf Kessel (CDU) reagiert mit Erleichterung auf dieUnesco-Entscheidung. Als Oberbürgermeisterin von Speyer, wo unter anderem eine bedeutende Mikwe erhalten ist, sagte Stefanie Seiler (SPD), auf dieses Ergebnis habe die Stadt jahrelang hingefiebert. Glückwünsche kommen auch vom Bistum Speyer. (dpa/jol)

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