Rhein-Neckar-Kreis

Kein Nachwuchs: Fasnachtsvereine suchen händeringend Büttenredner

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Talentierte Büttenredner wie Guido Klode alias „Lilli“ sind eine Rarität geworden.

Mannheim/Ludwigshafen - Die Fastnacht ist nicht für alle Beteiligten so lustig, wie es scheint. Manche Vereine haben nicht genug Büttenredner - und kaufen „Fremde“ ein:

Wenn die vollschlanke Lockenwickler-Trägerin im bunten Blümchenkleid die Bühne betritt, lassen die Lacher nicht lange auf sich warten. Zum Beispiel, wenn die Dame, die stets nach potenziellen Partnern Ausschau hält, laut (fiktive) Kontaktanzeigen von Männern studiert. „Hänsel sucht Gretel, die Hexe hatte ich schon“, trägt „Lilli“ dann zum Beispiel vor. 

Hinter der Comedy-Figur "Lilli" verbirgt sich Guido Klode aus Kassel, ein erprobter Humorarbeiter und einer der Sterne am diesjährigen Fastnachtshimmel in Ludwigshafen.

Großer Mangel an erfahrenen Humoristen

Gleich mehrere örtliche Karnevalsvereine oder -organisationen haben ihn für ihre Sitzungen gebucht. Aber wieso wird für eine Pfälzer Brauchtumsveranstaltung ein Hesse angeheuert? 

Die Antwort offenbart ein Dilemma diverser Narrenvereine - in der Metropolregion Rhein-Neckar und anderswo. Denn mancher Club klagt über einen Mangel an eigenen Büttenrednern, wie die sprechenden Stars der Bühne hier oft pauschal genannt werden. 

Es wird immer, immer schwerer“, sagt der Präsident des Großen Rats der Ludwigshafener Karneval-Vereine, Gregor Seelinger. „Die, die mal Gute waren, haben keine nachgezogen.“ „Lilli“ dagegen sei „ein Super-Büttenredner“, der einen weiteren Vorteil habe: „Der spricht kein Platt.“ 

Das sei zum Beispiel bei Humoristen aus dem Saarland anders. „Das passt dann nicht so ganz“, sagt Seelinger. 

Auch beim Mannheimer Karnevalverein „Fröhlich Pfalz“ herrscht ein gewisser Büttenredner-Mangel. „Es gibt eigene, aber wir müssen zukaufen, weil es hier in der Region Mannheim/Heidelberg zu wenige gibt“, sagt der 1. Vorsitzende Dietmar Beck. Der Nachwuchs fehle. 

Der Stellenwert der Fastnacht ist nicht der, den sie in Mainz oder Köln und Aachen hat“, erklärt Beck. Die zwei eigenen Redner des Vereins reichten nicht aus, um eine mehrstündige Prunksitzung zu bestreiten. Da brauche man Personal für vier bis fünf Vorträge. Der Verein schaut sich deshalb auch in der Pfalz um. Gebucht werden zum Beispiel Tobias Paltz alias „Bauer Sepp“ aus Zweibrücken oder Oliver Betzer aus Fischbach als „de Härtschd“. 

Teurer Spaß: Büttenredner kosten ihr Geld

Humor-Unterstützung aus noch größerer Entfernung zu holen, sei eine Frage des Geldes, sagt Beck. Mitunter würden pro Redner 700 Euro verlangt - für einen 15- bis 20-minütigen Auftritt. Und das, wo die Saalmiete schon 10.000 Euro betragen könne. „Der Spaß wird immer teurer“, stellt er fest. 

Die Vereinigung Badisch-Pfälzischer Karnevalvereine strebt laut ihrem Sprecher Rainer Holzhauser an, dass die Vereine verstärkt Redner aus den eigenen Reihen gewinnen - um unabhängig zu werden. 

„Reisende Büttenredner“ hätten pro Abend sechs bis sieben Auftritte, sagt Holzhauser. Wenn Eis und Schnee ihnen dazwischenkämen, könnten sie manche Termine nicht einhalten, was dem „Regieminister“ einer Sitzung graue Haare verursache. Ersatz gebe es meist nicht. 

„Büttenrednerschule“ soll Abhilfe schaffen

Das wird dem Publikum zu dumm.“ Und wenn das öfter passiere, bleibe es weg. Meist im Herbst wird deshalb eine „Büttenrednerschule“ angeboten, bei der es um Auftritt, Ausdruck und Spezialthemen wie „die gereimte Bütt“ geht. Videokontrolle inklusive. 

Eine schöne Sache sei es, wenn das Talent aus den eigenen Reihen komme, sagt Holzhauser. Namen möchte er nicht gerne preisgeben. Der Nachwuchs soll sich erproben. Der Weinheimer Markus Weber, der als das 113 Jahre alte „Fräulein Baumann“ auftritt und bei vielen Vereinen beliebt ist, weiß um die Probleme von Büttenrednern, die er für eine aussterbende Spezies hält: 

Man kann Erfahrung als Büttenredner nur auf der Bühne sammeln“, sagt der hauptberufliche Apotheker. Wenn Vereine für ihre Sitzungen aber große Hallen anmieteten, 20 bis 30 Euro Eintritt verlangten und den Besuchern dann Anfänger präsentierten, sagten die: „Dafür gebe ich mein Geld nicht aus.“ 

Seine Beobachtung: „Die Vereine haben ganz selten eigene Büttenredner.“ Die Geschäftsführerin von „Lillis“ Künstleragentur MPR-Promotion, Martina Wisotzki, verteidigt das Anmieten externer Humor-Fachkräfte. „Der Witz, der aus dem Ärmel kommt, der muss da vorher reingesteckt werden“, sagt sie. Viele Vereine hätten das Problem, dass jene, die sich engagierten, das nebenberuflich machten. „Da ist man nicht in der Lage, jedes Jahr Material in bester Qualität zu produzieren.“ 

Mainz hat genug Nachwuchstalente

Wenige Probleme mit der Selbstversorgung haben die Fastnachter in Mainz, wo es laut MCV mehr als 100 Vereine gibt. Diese „riesengroße Anzahl“ generiere „unheimlich viel Nachwuchs“, sagt Michael Bonewitz vom Mainzer Carneval-Verein (MCV). Und der werde gezielt gefördert. So wolle der MCV ein Nachwuchscamp organisieren, in dem man Figuren der Fastnacht ausprobieren könne. Sitzungen mit zusammengekauften Kräften gebe es auch - aber im rheinhessischen und hessischen Umland. Und auch in Ludwigshafen wird das in nächsten Saison wohl wieder so sein. Für „Lilli“ gebe es von dort schon viele Anfragen, so Wisotzki.

dpa

Quelle: Mannheim24

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