In Jakobskirche 

Streit um Klangkörper: Wo die „Hitler-Glocke“ schlägt

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Bronzeglocke mit Hakenkreuz

Herxheim – In einer Pfälzer Kirche läutet täglich eine Glocke mit Hakenkreuz und Hitler-Spruch. Das regt viele auf – Bürgermeister und Pfarrer sehen die Sache jedoch ganz anders. 

So idyllisch wie die kleine Kirche in Herxheim am Berg liegen vermutlich nur wenige Gotteshäuser. Von einer Anhöhe aus wandert der Blick über ein grünes Rebenmeer bis in die Rheinebene. Das jährliche Weinfest unter den alten Bäumen im Schlossgarten nebenan wurde 2005 zum schönsten der Pfalz erklärt. 

Aber im Turm der 1000 Jahre alten Jakobskirche verbirgt sich ein Überbleibsel aus furchtbaren Zeiten. Eine Glocke mit Hakenkreuz und der Aufschrift „Alles fuer's Vaterland Adolf Hitler“

Alle Viertelstunde gibt der 240 Kilo schwere und mit Tauben- und Falkenkot bekleckste Klangkörper den Ton an. Obwohl die Bronzeglocke seit 82 Jahren in der evangelischen Kirche hängt, ist sie erst seit kurzem Gesprächsstoff. „Die Rheinpfalz“ hatte darüber berichtet.

„Die Glocke sollte abgestellt werden“

Die pensionierte Musiklehrerin Sigrid Peters, die in Kirchen mitunter die Orgel spielt, hatte nach eigenen Angaben auf das Thema aufmerksam gemacht. Die 73-Jährige ist empört, dass die Glocke noch immer genutzt wird und nichts auf ihre Geschichte hinweist. „Die Glocke sollte abgestellt werden“, fordert sie. 

Bürgermeister und Pfarrer sehen das anders. Es läuft eine rege Diskussion zum Umgang mit der Glocke, die die Sachverständige Birgit Müller als „Rarität“ einstuft. Ihr sei kein anderer Klangkörper mit Hakenkreuz bekannt. Der ehrenamtliche Ortshistoriker Eric Hass kennt die Geschichte der Glocke, die von zwei größeren ohne Hitlerspruch und Hakenkreuz eingerahmt wird. 

Die Geschichte der Glocke 

1934 hatte es in der Kirche - einer der ältesten in Rheinland-Pfalz - gebrannt. Nach der Renovierung kamen drei neue Glocken in den Turm. Die mit dem Hakenkreuz war die kleinste davon. „Zu Weihnachten 1934 hat die das erste Mal geläutet“, sagt Hass. Die sogenannte Polizeiglocke gehört der Gemeinde und sollte bei Feuer- und später bei Fliegeralarm warnen, die beiden größeren gehörten der Kirchengemeinde. 

Bronzeglocke mit Hakenkreuz

Sie wurden 1942, als alles verfügbare Material für den Krieg gebraucht wurde, eingeschmolzen. Die kleinste, die am wenigsten Bronze hatte, blieb als „Notglocke“ hängen. „Dann wurde sie vergessen“, sagt Hass. Nach dem Krieg wurden 1951 zwei neue Kirchenglocken installiert und das Geläut aufeinander abgestimmt. Bis heute klingen die kirchlichen Klangkörper zusammen mit der „Hitler-Glocke“ im Turm. 

Ehepaar entsetzt 

Organistin Peters, die über eine ihr bekannte Historikerin auf die Glocke aufmerksam gemacht wurde, stört deren unkommentierte Verwendung. „Es ist der Geist, der da wirkt“, sagt sie. „Das geht nicht, dass ein Täufling getauft wird, und da läutet eine Glocke mit der Aufschrift „alles für's Vaterland"". Das wirke, als ob das Kind dazu bestimmt sei, Kanonenfutter zu werden. 

In der Kirche heirateten auch viele Paare aus dem Rhein-Neckar-Raum, sagt die Organistin aus dem nahen Weisenheim am Berg, „und die wissen es alle nicht“

Ein Schild müsse her, fordert sie, man dürfe die Menschen nicht an der Nase herumführen.

Bürgermeister ist uneinsichtig 

Es sei eine historische Glocke, und man müsse zur Geschichte stehen, sagt Bürgermeister Ronald Becker (Freie Wähler) und fügt völlig unpassend und grob verharmlosend hinzu: „Es war eine aufreibende und schlechte Zeit für verschiedene Volksgruppen“, erklärt der Elektroingenieur. „So etwas soll nicht mehr passieren.“ An der Glocke ändern wolle man aber nichts. 

Sie sei in das neue Geläut integriert, es funktioniere alles wunderbar. „Wenn etwas gut funktioniert, warum soll man es ändern?“ Es gehe ja nur um die Inschrift. „Am Klang kann man es gar nicht erkennen.“ Und die Schrift abschleifen? „Jede Änderung bringt einen Misston“, sagt der 54-Jährige. Und der Vaterland-Spruch? „So ein bisschen Selbstbewusstsein für unser Land sollte man schon haben.“

Außerdem würde eine neue Glocke laut Expertin 50.000 Euro kosten. Die Bürger seien auch mehrheitlich dafür, dass die Glocke hängenbleibe. „Ein Ärgernis ist es für alle, dass man auch Glocken so missbraucht hat“, sagt Pfarrer Helmut Meinhardt. Manche hätten es gewusst, aber er habe keine Diskussionen darüber gehört. 

Erst der Zeitungsartikel habe dafür gesorgt. Nun müsse man die Auseinandersetzung führen, sagt der Vorsitzende des Vereins für pfälzische Kirchengeschichte. „Aber aus Kirchengemeindesicht würde ich nicht sagen: Wir dürfen die Glocke nicht benutzen.“ 

Glocke als Mahnmal?

Ortshistoriker Hass ist dafür, die Glocke „als Mahnmal“ hängenzulassen. „Wir überlegen sogar, eine Gedenktafel zu installieren“, sagt er. Auch die Glockensachverständige Müller plädiert dafür, die unter Denkmalschutz stehende Glocke als Mahnmal einzustufen. 

Sie sei ein Zeichen dafür, dass man es besser machen müsse. Sie abzustellen, wie Peters es vorschlägt, lehnt sie ab. Die Gegner könnten ja 50.000 Euro für einen Ersatz spenden, sagt sie. Auch im Kölner Dom seien viele Steine mit Hakenkreuzen eingebaut. „Würden diese rausgenommen, müsste der Dom nochmal aufgebaut werden.“

dpa

Quelle: Mannheim24

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