1. Ludwigshafen24
  2. Region

Edenkoben: Junge Frau tritt aus Kirche aus – Netz über Wut-Brief von Pfarrer sprachlos

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Fabienne Schimbeno

Kommentare

Ein Gottesdienst in der Kirche
Edenkoben: Der Kirchenaustritt von Caroline Gutting sorgt auf Instagram für einen Mega-Shitstorm (Symbolfoto) © Matthias Balk/dpa

Edenkoben – Eine junge Frau tritt aus der katholischen Kirche aus. Daraufhin erhält sie Wut-Brief vom Pfarrer, postet ihn bei Instagram. Ihr Video löst eine Flut von Klicks und Kommentaren aus:

Um Gottes willen, was ist da los? Dass Instagram eine geeignete Plattform ist, um seine persönliche Meinung einer breiten Masse zugänglich zu machen, wissen mittlerweile die meisten. Caroline Gutting aus Edenkoben in Rheinland-Pfalz hat die Wirkkraft des sozialen Netzwerks jetzt aber ziemlich unterschätzt. Ein Video von ihr zu ihrem Austritt aus der katholischen Kirche und dem Brief, den sie daraufhin vom Pfarrer erhalten hat, löst einen gewaltigen Shitstorm auf Instagram aus. 620.000 Klicks und über 1.600 Kommentare! Das steckt dahinter:

Edenkoben: Nach Kirchenaustritt - Caroline Gutting postet Brief der katholischen Kirche auf Instagram

Caroline Guttings Instagram-Account ist nicht gerade klein: 3.095 Abonnenten verzeichnet die junge Yoga- und Fitnesslehrerin derzeit auf ihr Konto. Damit gehört sie schon zu den sogenannten Micro-Influencern. Normalerweise dreht sich auf ihrem Account alles um „Yoga & Female Empowerment“, wie Gutting in ihrer Instagram-Bio schreibt. Neulich nutzt die junge Frau aus Edenkoben die Plattform aber für eine Angelegenheit, die ihr besonders am Herzen liegt: Ihr Austritt aus der katholischen Kirche und den damit einhergehenden Brief, den sie vom Pfarrer erhalten hat. Der macht sie nämlich ganz schön sauer.

„Drohbrief von der Kirche“ - so beschreibt Caroline Gutting den Brief, den sie kurz nach ihrem Kirchenaustritt von der Pfarrei Heilige Anna erhalten hat. Es sind insbesondere Stil und Inhalt des Briefs, die die junge Edenkobenerin verärgern. „Ich weiß jetzt nicht, ob das ‘ne Kampagne ist von der Kirche beziehungsweise von der Pfarrei Heilige Anna, um auf die ganzen austretenden Leute zu reagieren, aber DAMIT erreicht man, glaub ich, nichts!“, kritisiert Caroline Gutting.

Gutting sei aus verschiedenen Gründen aus der katholischen Kirche ausgetreten: Dazu zählen etwa finanzielle, aber auch die Skandale um die katholische Kirche hätten sie zu ihrem Austritt bewegt. Zudem identifiziere sie sich nicht mehr mit dem christlichen Glauben im katholischen Sinne, wie sie in ihrem Video auf Instagram erklärt. 30 Euro habe die Yoga- und Fitnesslehrerin bezahlt, um aus der Kirche auszutreten. „Eine Unverschämtheit sondergleichen“, empört sich Caroline Gutting über den Brief. Er diene lediglich dazu, die Austretenden zu verunsichern und ihnen Angst einzujagen. In einem Hashtag fordert Gutting deshalb ganz klar: „#kirchenaustrittjetzt“.

Edenkoben: „Kein christliches Begräbnis zumuten“ - Das steht in dem Brief der katholischen Kirche

Über folgende Zeilen des Briefs von der katholischen Kirche ärgert sich Caroline Gutting besonders: „Mitglied in der Kirche wird man durch die Taufe, bei der man zugleich auch in die Hand Gottes eingeschrieben wird. Insofern betrifft Ihr Kirchenaustritt also sowohl die Gemeinschaft, die man verlässt, als auch den Glauben an Gott, der immer in Gemeinschaft gesucht und weitergegeben werden muss, wenn er nicht „beliebig“ werden soll“. „Man darf also nicht an Gott glauben, wenn man nicht in der Kirche ist, weil der Glaube wäre dann beliebig?“, hinterfragt Caroline Gutting.

Im Folgenden wird die junge Edenkobenerin auf alles hingewiesen, was ihr aufgrund ihres Kirchenaustritts künftig verwehrt ist. Sie habe sich durch ihre Entscheidung selbst „exkommuniziert; d.h. aus der Gemeinschaft der Kirche ausgeschlossen“. Ihr Austritt beinhalte „nicht nur die Abkehr von der Gemeinschaft der Glaubenden, sondern auch die Abkehr von Gott“.

Gegen Ende des Briefs heißt es dann: „Bitte teilen Sie Ihren Angehörigen Ihren Kirchenaustritt unbedingt mit, damit es nicht irgendwann zu Peinlichkeiten kommt“. Caroline Guttings „absolutes Highlight“, wie sie in ihrem Instagram-Video verrät. Aber es geht noch weiter: „Die Kirche respektiert Ihre Entscheidung auch im Falle Ihres Todes und wird Ihnen kein christliches Begräbnis zumuten“. Am Ende bietet der Pfarrer ihr dann noch einmal die Möglichkeit zu einem Gespräch an und verabschiedet sich mit den Worten: „In der Hoffnung, noch einmal Gelegenheit zu haben, die Gründe Ihres Kirchenaustrittes zu erfahren, sende ich Ihnen freundliche Grüße und wünsche Ihnen Gottes Segen“. Großes Fragezeichen bei Caroline Gutting.

Zwischen Zustimmung und Ablehnung: Instagram-Video von Caroline Gutting löst Shitstorm aus

Fünfeinhalb Minuten geht das Video von Caroline Gutting zu ihrem Kirchenaustritt und dem Brief von der Pfarrei Heilige Anna. Dass dieses solch eine Welle auslösen würde, damit hat die junge Edenkobenerin selbst nicht gerechnet. „Ein, zwei Wochen lang hat mein Handy nur noch geblinkt“, erzählt Gutting in einem Bericht der Rheinpfalz. Aus diesem Grund nimmt sie das Video zunächst von der Plattform, mittlerweile hat sie es wieder auf Instagram gepostet.

Caroline Guttings Follower pflichten ihr zum größten Teil bei: „Unfassbar“ schreibt das Büro Obenland aus Rheinland-Pfalz. „Der Kirche geht es schon lange nicht mehr um den Glauben. Sondern nur um die Kohle.! Richtig ekelhaft ehrlich“, empört sich eine Userin. Für andere Nutzer sei Guttings Video sogar „der letzte Anstoß“ gewesen, aus der Kirche auszutreten.

Die frühere Katholikin muss sich wegen ihres Videos aber auch mit viel Hate auseinandersetzen. Viele der Nutzer weisen sie darauf hin, dass das ein ganz normaler Brief sei und es keinen Grund zur Aufregung gäbe. Ein User schreibt zum Beispiel: „Das ist doch völlig normales Gedöns? Du bist ausgetreten, und die informieren dich halt jetzt über die Konsequenzen“. Ein anderer Account fragt: „Wo war jetzt die Drohung?“.

Laut Informationen der Rheinpfalz sind im vergangenen Jahr im Bistum Speyer 6.181 Menschen aus der katholischen Kirche ausgetreten. Davon sind 162 wieder eingetreten. Im Jahr 2019 wurde der Höchstwert an Austritten verzeichnet: Hier waren es 6.412 Mitglieder, die aus der katholischen Kirche ausgetreten sind. „Die Zahl der Katholiken im Bistum sank in 40 Jahren von etwa 731.000 auf 497.000, die der registrierten Gottesdienstbesucher von rund 185.000 auf 23.000“, wie die Rheinpfalz berichtet.

Edenkoben: Brief nach Kirchenaustritt - Das sagt der Pfarrer zu Caroline Guttings Video auf Instagram

Eine Stellungnahme des Edenkobener Pfarrers Matthias Pfeiffer zu dem Fall bleibt auf Anfrage von LUDWIGSHAFEN24 bislang aus. Gegenüber der Rheinpfalz erklärt er allerdings, dass er das Video von Caroline Gutting auf Instagram gesehen und es ihn „verletzt und verwundert“ habe. Es sei ihm lediglich darum gegangen, die Betroffene über die Konsequenzen ihres Kirchenaustritts zu informieren. Außerdem wollte er ihr noch einmal die Chance geben, die Gründe für ihren Austritt zu benennen. Caroline Gutting aber sei direkt in die Öffentlichkeit gegangen und habe damit eine große Welle an Reaktionen ausgelöst, von denen auch die Pfarrei Heilige Anna nicht verschont geblieben sei: Zwei bis drei Leute sollen laut Matthias Pfeiffer direkt ans Pfarrbüro geschrieben und die Kirche mit Vorwürfen der Hexenverbrennung bis hin zum aktuellen Missbrauchsskandal beleidigt haben. Diese sollen sogar „anzeigewürdig“ gewesen sein, wie Pfeiffer gegenüber der Rheinpfalz erklärt.

Die Kritik an dem Inhalt seines Briefs könne Matthias Pfeiffer nicht nachvollziehen. Der Brief orientiere sich an einer Empfehlung der Bischofskonferenz von 2005. Hinsichtlich seiner Aussage, Caroline Gutting würde mit ihrem Austritt aus der Kirchengemeinschaft auch ihren Glauben an Gott verlassen, argumentiert Pfeiffer: „In der Kirche wird der Glaube weitergegeben. Er wird durch die Gemeinschaft gelebt und vermittelt. Anders geht es nicht. Ein Mensch kann natürlich weiter an Gott glauben, aber wenn er austritt, hat er nicht mehr diese Rückbindung. Der Glaube wird individuell“. Die von ihm angeführten „Peinlichkeiten“ basieren auf einer Erfahrung, die der Pfarrer aus Edenkoben vor Jahren gemacht haben soll: Die Eltern eines jungen Mannes, der bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen ist, sollen nach einem christlichen Begräbnis ihres Sohnes gebeten haben. Dieser sei aber kurz vorher aus der Kirche ausgetreten, weswegen Matthias Pfeiffer die Anfrage der Eltern ablehnen musste - eine für ihn schreckliche Situation, wie es im Rheinpfalz-Bericht heißt.

Matthias Pfeiffer verspreche allerdings, sich den Brief an Caroline Gutting noch einmal anzuschauen. Gutting selbst hat sich noch einmal in einem Video auf ihrem Instagram-Kanal zu dem Fall geäußert: Darin bestätigt sie noch einmal, dass sie nichts am christlichen Glaube und der Kirchengemeinschaft auszusetzen habe, sondern lediglich an der Art und Weise, wie der Brief an sie formuliert wurde. (fas)

Auch interessant

Kommentare