Felder müssen bewirtschaftet werden

Coronavirus: Bauern fehlen Helfer - Gewerkschaft fordert „Ernte-Solidarität“

Rhein-Neckar-Kreis - Die Corona-Pandemie hat die Welt fest im Griff. Was die Virus-Krise für die heimische Landwirtschaft und für regional produzierte Lebensmittel bedeutet:

  • Das Coronavirus hat auch schwerwiegende Folgen für die Landwirtschaft.
  • Wegen der Einreisebeschränkungen fehlen den Gemüse-, Obst- und Weinbauern tausende Saisonarbeiter.
  • Auswirkungen der Corona-Krise nicht nur auf die Spargel-Ernte.
  • Im April und Mai dürfen jetzt doch Erntehelfer aus Osteuropa einreisen:

Update vom 10. April: Auch wenn die Einreisebeschränkungen für Erntehelfer aus Osteuropa gelockert wurden, reichen wegen der Corona-Krise in Baden-Württemberg die Arbeitskräfte auf den Höfen nicht aus, um eine reibungslose Ernte zu garantieren, mahnt die Gewerkschaft IG Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU).

Jetzt geht es darum, ein neues Wort zu entdecken: ‚Ernte-Solidarität‘“, fordert Wolfgang Kreis, Bezirksvorsitzender der IG BAU in Nordbaden. Wer kann, soll jetzt bei der Ernte anpacken: „Spargel, Spinat, Porree - das April-Gemüse wartet nicht.“ Aber auch bei Aussaat und Anpflanzen seien die Landwirte auf Hilfe angewiesen.  

Coronavirus: Landwirte suchen auch lokale Erntehelfer - und wollen gerechte Bezahlung

Kreis ist aber auch klar, dass viele lokale Helfer ohne Vorkenntnisse kommen: „Laien werden die professionellen Handgriffe erst lernen müssen“, so der Gewerkschafter. Hier sei von Landwirten und Helfern Geduld gefragt. Schüler, Studenten, Asylsuchende, Arbeitssuchende, Kurzarbeiter, Menschen, die sich etwas dazu verdienen wollen - sie alle könnten helfen. „Die aktuelle Situation darf nicht dazu führen, dass Menschen bei der Erntearbeit auf den Feldern über den Tisch gezogen werden“, sagt Kreis.

Auch in der Landwirtschaft gilt der gesetzliche Mindestlohn von 9,35 Euro pro Stunde. Zusätzlich fordert Kreis eine Erschwerniszulage für Stammkräfte in Agrarbetrieben: „Immerhin setzen sich die Beschäftigten in der Phase der Corona-Pandemie bei ihrer Arbeit auch einem gewissen gesundheitlichen Risiko aus.“ Landwirte in der Region sollten eingearbeitete Saisonkräfte daher „mit einem Lohn nicht unter 11 Euro pro Stunde vom Feld gehen lassen“.

Wer sich in der Region als Pflanz- oder Erntehelfer bewerben möchte, findet Jobs und weitere Infos unter www.agrarjobboerse.de. Stellenangebote gibt es auch auf dem Portal „Das Land hilft“ vom Bundeslandwirtschaftsministerium: www.das-land-hilft.de.

Coronavirus: Bauern erleichtert - Erntehelfer dürfen doch ins Land!

Update vom 3. April: Jetzt also doch. Nach langem Hin und Her hat Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) eingelenkt: Trotz der grassierenden Corona-Pandemie dürfen im April und Mai jeweils 40.000 Saisonarbeiter aus Osteuropa nach Deutschland einreisen. Allerdings unter strengen Auflagen. Ein mit Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) ausgearbeitetes Konzeptpapier wurde am Donnerstag (2. April) im Bundeskabinett vorgestellt. 

Um den Infektionsschutz zu gewährleisten, sollen ausländische Saisonkräfte ausschließlich in Gruppen und mit dem Flugzeug über zuvor festgelegte Flughäfen einreisen dürfen. Dort wird ein Gesundheitscheck durchgeführt. Die Saisonkräfte müssen von aufnehmenden Betrieben am Flughafen abgeholt werden und dürfen die Höfe in den ersten 14 Tagen nicht verlassen. Zudem sollen im April und Mai jeweils 10.000 inländische Arbeitskräfte (Arbeitslose, Studierende, Asylbewerber, Kurzarbeiter) für die Landwirtschaft gewonnen werden.

Beim Deutschen Bauernverband (DBV) begrüßt man den gefundenen Kompromiss über zusätzliche Erntehelfer aus Osteuropa: „Unsere Betriebe werden die Leitlinien und Vorgaben des Robert Koch-Instituts strikt einhalten, um das Infektionsrisiko so gering wie möglich zu halten. Diese Regelung hilft uns arbeitsfähig zu bleiben“, sagt DBV-Präsident Joachim Rukwied.  

Bauern in der Corona-Krise: Sofort-Hilfe jetzt auch für Landwirte

Update vom 1. April: Das grassierende Coronavirus in Baden-Württemberg stellt auch die Landwirte vor größte Herausforderungen. Ausländische Saisonarbeitskräfte dürfen wegen aktueller Einreisebeschränkungen nicht ins Land, viele Bauern können ihre Felder nicht mehr bestellen, Ernteausfälle drohen. Um die Existenz der landwirtschaftlichen Betriebe zu sichern, hat das Land ein finanzielles Hilfsprogramm aufgelegt.

Alle landwirtschaftlichen Betriebe und die gesamte Wertschöpfungskette der Ernährung, gerade die Betriebe mit Sonderkulturen wie z.B. Winzer und Obstbau können nun die Soforthilfen beantragen“, erklärt Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU). Mit dem Hilfsprogramm werden die Bauern finanziell unterstützt und die Versorgung mit Lebensmitteln sichergestellt, so der Minister.

Übrigens: Ab sofort findest Du alle aktuellen Zahlen und News zum Coronavirus in Baden-Württemberg in unserem neuen News-Ticker!

Bauern in der Corona-Krise: Steht uns der Spargel-Schock bevor?

Grundtext vom 27. März: Traditionell beginnt Ende März, Anfang April die Spargelzeit. Die dürfte dieses Jahr aber deutlich schmaler ausfallen als gewohnt. Denn: Für Saisonarbeitskräfte in der Landwirtschaft besteht wegen der Corona-Pandemie ein Einreisestopp. Und der trifft zuerst die Spargel- und Erdbeerbauern. Aber auch Gemüse-, Obst- und Weinbauern werden ohne Erntehelfer „große Schwierigkeiten“ bekommen, sagt der Präsident des Deutschen Bauernverbands (DBV), Joachim Rukwied.

Wegen Coronavirus: „Ein Teil der Spargelernte wird nicht stattfinden“

Ein Teil des Spargels wird ungeerntet auf dem Feld bleiben und dort verrotten“, beschreibt Simon Schumacher die Auswirkungen der Corona-Krise in Baden-Württemberg auf die Spargelfelder. Rund 100 Spargelbauern gibt es im Ländle, schätzt der Vorstandsvorsitzende des Verbands Süddeutscher Spargel- und Erdbeeranbauer (VSSE). Die Zahl der Erntehelfer ließe sich nicht genau beziffern. Deutschlandweit seien aber allein im Spargelanbau zwischen 160.000 und 180.000 Saisonarbeitskräfte beschäftigt.

Wenn viele osteuropäische Erntehelfer wegen des Einreisestopps nicht ins Land kommen, wird „ein Teil der Spargelernte nicht stattfinden“, warnt Schuhmacher. Zwar seien auch Einheimische bereit, auf den Feldern einzuspringen. Die Anzahl der Freiwilligen falle aber mit 16.000 zu gering aus. Zudem stehen viele Freiwillige oft nur an bestimmten Tagen oder zu bestimmten Uhrzeiten zur Verfügung.

Wegen des Coronavirus fehlen in der Landwirtschaft zehntausende Saisonarbeitskräfte.

Denkbar wäre, die inländischen Saisonarbeiter beispielsweise in vierstündigen Schichten einzusetzen, damit die körperliche Belastung im Rahmen bleibt und die Motivation nicht zu schnell verloren geht“, schlägt Schuhmacher vor. Einen osteuropäischen Erntehelfer müsste man dann durch „drei bis vier Erntehelfer aus dem Inland“ ersetzen.

Bauern in der Corona-Krise: Allein in Nordbaden fehlen 15.000 Erntehelfer – Flüchtlinge bringen wenig Hilfe

Ähnlich sieht man es wegen der Coronakrise in Baden-Württemberg auch beim Bauernverband. „Die Stimmung bei den Landwirten ist selten so schlecht gewesen, wie derzeit“, fasst Wolfgang Guckert die Gefühlslage der Bauern im Rhein-Neckar-Kreis im Gespräch mit MANNHEIM24 zusammen. Für den Kreisvorsitzenden des Bauernverbands, der im Norden Mannheims einen Hof hat, ist klar: „Ohne erfahrene Saisonarbeitskräfte wird es Engpässe bei Obst und Gemüse geben.“ 

Im Rhein-Neckar-Kreis gibt es derzeit 1.000 bis 1.100 landwirtschaftliche Betriebe, in Nordbaden zwischen 3.600 und 4.000. Guckert zufolge sind allein in Nordbaden zwischen 12.000 und 15.000 ausländische Saisonarbeitskräfte im Gemüse-, Obst- und Weinbau beschäftigt. Die meisten von ihnen reisen aus Rumänien und Polen ein. „Viele kommen seit Jahren, manche sogar seit Jahrzehnten in die gleichen Betriebe“, erzählt Guckert. Da sie die Betriebsabläufe kennen, sei das ein Produktivitäts- und Sicherheitsfaktor. 

Branchenfremde in der Landwirtschaft einzusetzen, wie es von der Politik derzeit vorgeschlagen wird, sehen die Bauern mit Skepsis. Diese müssten häufig wochenlang eingearbeitet werden. Dann sei oftmals unklar, ob die Arbeitskräfte die körperlich anstrengende Arbeit auf dem Feld auch durchstehen. „Ein Feldarbeiter braucht in der Regel eine Saison, um sich an das Tempo auf dem Feld zu gewöhnen.“ Auch die Unfallgefahr auf dem Hof sei bei Ungelernten nicht zu unterschätzen. 

Bauern in der Corona-Krise: Grundversorgung gesichert, aber ...

Die Grundversorgung mit Milch, Getreide, Mehl oder Kartoffeln ist gewährleistet, sagt Guckert. Bei Obst und Gemüse sieht das anders aus. Bauernverbandspräsident Rukwied warnt: „Ohne ausländische Saisonarbeitskräfte werden wir nicht alle Gemüsepflanzen in die Erde bringen, unser Obst nicht pflegen können. Und das wird zu Ausfällen führen."

Viele landwirtschaftliche Betriebe stünden finanziell mit dem Rücken zur Wand, da sie mit Blick auf die anstehende Aussaat und Pflanzung in Vorleistung getreten seien. Ohne Erntehelfer könnten notwendige Arbeiten aber nicht ausgeführt werden. 

Jüngst habe ihn ein Biobauer angerufen, um zu erfahren, ob er noch Karotten aussäen solle, verrät Guckert. Karotten seien aber arbeitsintensiv. Wegen der Unsicherheit durch die Corona-Krise und der fehlenden Arbeitskräfte habe der Biobauer sich jetzt dazu entschieden, Gerste anzupflanzen. Die könne er auch für das nächste Jahr einlagern und an seine Schweine verfüttern.   

Coronavirus in Deutschland: Pflegekräfte - ja, Erntehelfer - nein?

Mit Unverständnis nehmen die Landwirte auch die Entscheidung des Innenministeriums auf, ausländische Pflegekräfte weiter ins Land zu lassen, Saisonarbeiter aber nicht. „Die Entscheidung des Bundes, mit Blick auf mögliche Ansteckungsrisiken, trotzdem Pflegekräfte einreisen zu lassen, Erntehelfer aber nicht, ist in keiner Weise nachvollziehbar und ein Schlag für die Landwirtschaft. Die notwendigen Hygienemaßnahmen können die landwirtschaftlichen Betriebe vor Ort leisten, zumal sich die Erntehelfer in einem geschlossenen System bewegen“, findet auch Baden-Württembergs Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) am Freitag (27. März). 

Die Einreise von Erntehelfern aus Polen sei zwar bislang noch möglich, ergänzt das Ministerium, verweist aber gleichzeitig darauf, dass sich die Lage laufend ändern könne. In den letzten Jahren hat sich die wirtschaftliche Situation in Polen aber so sehr verbessert, dass polnische Erntehelfer im eigenen Land arbeiten und nicht mehr nach Deutschland kommen, erklärt Schuhmacher. Und für Rumänen, die mittlerweile das Gros der jährlich 300.000 Saisonarbeitskräfte auf deutschen Bauernhöfen stellen, gelten seit Mittwoch (25. März, 17 Uhr) die aktuellen Einreisebeschränkungen.  

Coronavirus: Jobbörse will Arbeitskräfte für Bauern vermitteln

Die Sicherung der heimischen Ernährung hat ebenso hohe Priorität, deshalb muss der Bund die aktuelle Entscheidung neu bewerten und nach Möglichkeit wieder ändern. In der aktuellen Situation gilt nun für uns, Hilfe zur Selbsthilfe“, so Landwirtschaftsminister Hauk. Derweil unterstützt das Land eine Plattform finanziell, die Arbeitssuchende und Landwirte zusammenbringen will: Auf „Das Land hilft“ bieten vornehmlich Freiwillige ihre Hilfe für Landwirte an. Derzeit haben sich bundesweit über 30.000 Menschen gemeldet, die die heimischen Bauern unterstützen wollen. Jobbörsen für Menschen die Saisonarbeit in der Landwirtschaft verrichten wollen, finden sich auch unter „Saisonarbeit in Deutschland“ und „land-arbeit.com“.

Bei aller Freude über die Unterstützung aus der Bevölkerung ist für die Landwirte aber auch klar: Ohne die erfahrenen Saisonarbeitskräfte geht es nicht.

Während in Deutschland aus medizinischer Sicht noch die Ruhe vor dem Sturm herrscht, spitzt sich die Lage im benachbarten Elsass dramatisch zu. An anderer Stelle sorgen die Heidelberger für einen Lichtblick: Ein „Gabenzaun“ soll Obdachlosen helfen.

Die Coronavirus-Pandemie sorgt Tag ein Tag aus für deprimierende Schlagzeilen. Doch es gibt auch Lichtblicke: Das Mannheimer Modelabel „von Jungfeld“ stellt ihre Produktion um und verkauft ab sofort funktionale Mund-Nasen-Masken statt bunten Hipster-Socken. Aufgrund der sinkenden Nachfrage nach Rohöl ist der Spritpreis an den Zapfsäulen in der Metropolregion Rhein-Neckar auch drastisch gesunken. 

Wenn es nach der AfD ginge, würden ihre Anhänger, darunter wahrscheinlich zahlreiche Rechte und Verschwörungstheoretiker, am Sonntag (24. Mai) im Stuttgarter Stadtzentrum gegen die Corona-Verordnung demonstrieren. Doch die Stadt Stuttgart macht der Partei einen Strich durch die Rechnung und untersagt den Aufmarsch, bei dem auch die Co-Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion Alice Weidel zugegen sein sollte.

rmx

Quelle: Mannheim24

Rubriklistenbild: © Sebastian Gollnow/dpa - Bildfunk

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