Trauma-Experte Thomas Elbert im Interview

„Misshandelte Frauen leiden unter dauernder Angst!“

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Thomas Elbert, Professor für klinische Psychologie und Verhaltensneurowissenschaft der Universität Konstanz

Baden-Württemberg - Sie haben Vergewaltigung, Sklaverei, Ausbeutung erlebt. 600 Frauen, die aus Syrien und Nordirak in den Südwesten kommen, bringen ein ganzes Bündel von Problemen mit sich. Doch Hilfe ist möglich...

Den Psychotherapeuten und Sozialarbeitern im Südwesten steht eine Herkules-Aufgabe bevor: In Kürze müssen sie sich um Hunderte traumatisierte Frauen und Mädchen aus dem Nahen Osten kümmern. „Man braucht einen langen Atem, denn weder haben wir genug Fachleute für diese extremen Verwundungen noch ein Gesundheitssystem, das für alles Notwendige aufkommt“, meint Thomas Elbert, Professor für klinische Psychologie und Verhaltensneurowissenschaft der Universität Konstanz.

In welchem Zustand kommen die Frauen aus Nordirak und Syrien zu uns?

Um diese Frage zu beantworten, muss man verstehen, woher sie kommen. Sie hatten oft eine schwierige Kindheit in Ländern, in denen Gleichberechtigung ein Fremdwort ist. Häufig ist ihr Leben bereits vor den Übergriffen des "Islamischen Staats" von Angst geprägt gewesen. Mit Versklavung, Folter und Vergewaltigung im Krieg erfahren sie ein weiteres Mal Gewalt, diesmal nicht in der Familie, sondern von externen Tätern. Die Frauen leiden also unter einer komplexen Traumatisierung.

Welche Symptome weisen sie auf?

Sie sind von einer dauernden Angst geplagt, die mit der Ankunft in Deutschland nicht endet. Schon der Anblick einer schwarzen Flagge oder einer Uniform versetzt diese Frauen in einen Zustand der Erregung. Die Unterscheidung zwischen den schrecklichen Erinnerungen und der Realität, in der sie sich gerade befinden, fällt ihnen schwer. Oft trauen sie sich gar nicht mehr aus dem Haus, isolieren sich auch von anderen Menschen; denn jede liebevolle Beziehung bedeutet Aufregung, die sie automatisch mit Schrecken in Verbindung bringen. Häufig kommen Schlafstörungen hinzu. Die Diagnose lautet oft traumatische Belastungsstörung und Depression.

Welche Behandlung ist notwendig?

Mit einem Dutzend 90-minütiger Sitzungen beim Psychotherapeuten wäre schon sehr viel zu erreichen. Ziel wäre die Frauen durch ein kontrolliertes Wiedererleben in die Lage zu versetzen, ihr schlimmen Erinnerungen in den richtigen Kontext zu stellen. Doch die Aufgabe ist in der Durchführung sehr schwierig: Man braucht als Psychotherapeut einen Übersetzer, der Arabisch und im besten Fall noch den lokalen Dialekt spricht. Überdies muss dieser Mensch auch geschult werden, damit er die Schilderungen der Frauen verkraften kann. Die Kosten für die Psychotherapie sowie die Dolmetscherdienste müssten durch eine Institution, etwa die Krankenkassen, übernommen werden.

Haben wir nicht bereits einen Engpass an Psychotherapeuten?

Doch. Deshalb müssen Hausärzte lernen, leichte psychische Probleme niederschwellig zu behandeln. So könnten sich Psychotherapeuten um die schwierigeren Fälle kümmern. Die Psychotherapeuten, die mit diesen extremen Fällen nicht vertraut sind, bräuchten auch eine Schulung. Da würden drei Tage reichen, doch es fehlt an Stellen, die diese Qualifizierung anbieten können.

Was brauchen die Frauen außerdem noch?

Ganz wichtig ist, dass Sozialarbeiter diesen Frauen, die in ihrer Kindheit meist selbst misshandelt wurden, Alternativen zu einer gewalttätigen Erziehung aufzeigen. Sonst entwickeln sich die Kinder dieser Mütter zur nächsten Generation von "Dschihadisten", unter denen sie so leiden mussten.

Können die Frauen jemals in ihre Heimat zurück?

Eine freiwillige Rückkehr ist fast unmöglich. In ihren Dörfer sind sie nicht mehr willkommen. Ihnen wird in der Regel vorgeworfen, "abgehauen" zu sein. Überdies werden sie als Vergewaltigte stigmatisiert. Diese Menschen sind schon dankbar, wenn sie ein Dach über dem Kopf haben, nicht hungern und frieren müssen. Gescheiterte Staaten wie Syrien oder Nordirak, also Regionen in denen das Gewaltmonopol des Staates zerstört worden ist, werden über lange Zeit keine menschenwürdigen Lebensbedingungen mehr bieten können.

dpa/rob

Quelle: Mannheim24

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