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Taiwans oberster Vertreter in Deutschland: „Wir lassen uns nicht provozieren, wir lassen uns nicht einschüchtern“

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Von: Sven Hauberg

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Jhy-Wey Shieh
Jhy-Wey Shieh ist Repräsentant der Taipeh Vertretung in der Bundesrepublik Deutschland. © Taipeh Vertretung in der Bundesrepublik Deutschland

„China droht uns mit Militär – wir drohen ihnen mit Demokratie“, sagt Taiwans De-facto-Botschafter im Interview. An die deutsche Politik hat er klare Forderungen.

München/Berlin – Er vertritt die Regierung von Taiwan in Deutschland – darf sich aber nicht Botschafter nennen: Jhy-Wey Shieh ist seit 2016 der „Repräsentant“ seines Landes in der Bundesrepublik, sein Arbeitsplatz ist die „Taipeh Vertretung“. Deutschland und der demokratisch regierte Inselstaat, den die Volksrepublik China als Teil des eigenen Staatsgebiets betrachtet, unterhalten nur inoffizielle Beziehungen, deshalb die sprachlichen Verrenkungen. Im Interview mit IPPEN.MEDIA spricht der langjährige Germanistikprofessor über die Bedrohung durch China und den Besuch von Nancy Pelosi in Taipeh. Zudem äußert der 67-Jährige einen Wunsch an die deutsche Politik: mehr Mut!

Herr Shieh, wie haben Sie die vergangenen Tage erlebt – hatten Sie Angst, dass die Krise eskalieren würde?

Ich habe mir eher Gedanken gemacht als Sorgen, ein bisschen wie Salat – gemischt. China hat Raketen in Richtung Taiwan abgefeuert, derartige Aggressionen haben wir zuletzt 1996 gesehen. Peking verhält sich aber nicht erst seit dem Besuch von Frau Pelosi derart aggressiv, das geht schon seit vielen Jahren so. Und nicht nur Taiwan ist bedroht, sondern auch die anderen Länder in der Region – Japan, die Philippinen, Malaysia. China hat mehrere Inseln im Südchinesischen Meer aufgeschüttet und mindestens drei davon militarisiert. Hat ein Land, nur weil es stark ist, das Recht, seine Nachbarn unter Druck zu setzen? Nein!

Chinas Drohungen gegenüber Taiwan: „Wir müssen auf der Hut sein“

Was glauben Sie, wieso haben die Chinesen auf den Besuch von Pelosi derart erbost reagiert?

Xi Jinping hatte vor dem Besuch von Frau Pelosi die Stimmung derart aufgepeitscht, dass er jetzt so reagieren musste, um seine Bevölkerung zufriedenzustellen. Aber wir können das nicht auf die leichte Schulter nehmen. Wir lassen uns auch nicht provozieren, wir lassen uns nicht einschüchtern. China hat sich zudem ins eigene Fleisch geschnitten: Die Amerikaner, die Japaner, die EU – alle haben gegen die Aggressionen Chinas protestiert.

Wie geht es nun weiter? Wird China weiter eskalieren?

Wenn man sich ansieht, wie Russland in die Ukraine einmarschiert ist, dann müssen wir auf der Hut sein und ganz genau beobachten, was China macht. Wir machen uns gefasst auf weitere militärische Aktionen. Aber es gibt auch etwas Gutes an der aktuellen Situation: Weltweit wird nun diskutiert, warum sich China so aggressiv verhält. Ich bin mir sicher: 99 Prozent der Politiker in freiheitlichen Ländern werden sagen: China ist im Unrecht. Wenn eine Demokratie bedroht wird, wie nun Taiwan, dann kann man nicht einfach zusehen.

Taiwan-Konflikt: „Stellen Sie sich vor, die Amerikaner wären zurückgewichen, nur weil China gedroht hat!“

Dennoch hat Pelosis Besuch eine ohnehin schon angespannte Situation deutlich verschärft. War es das wert?

Auf jeden Fall! Stellen Sie sich vor, die Amerikaner wären zurückgewichen, nur weil China gedroht hat! Da wäre China zu billig davongekommen. Seit Xi Jinping 2012 an die Macht gekommen ist, hat man China zu große Zugeständnisse gemacht, und zwar in falscher Erwartung. Man hat den Chinesen das Gefühl gegeben, sie wären im Recht. Pelosis Besuch war nicht nur eine Probe für Taiwan, sondern für die Demokratie an sich. Und diese Probe haben wir bestanden. Unsere Freiheit und Demokratie sind nicht verhandelbar. Frau Pelosi hat etwas Großartiges getan: Sie hat uns beigestanden, und sie hat Mut gezeigt! Taiwan und die anderen demokratischen Nationen, wir gehören zur gleichen Mannschaft, wie beim Fußball. Wir unterstützen uns gegenseitig. Greifen die Chinesen Taiwan an, dann greifen sie auch die Amerikaner an, die Japaner, die Australier und auch die Europäer. 

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Glauben Sie, die Politiker in Deutschland sehen das genauso wie Sie?

Noch nicht. Aber sie sind auf dem richtigen Weg. Im vergangenen August hat Deutschland die Fregatte „Bayern“ in die Pazifikregion geschickt, ins Südchinesische Meer. Warum? Nicht in erster Linie wegen Taiwan. Sondern, weil die Interessen Deutschlands und anderer exportorientierter Nationen seit Jahren durch die militärische Präsenz der Chinesen gefährdet sind.

Jeder dritte Euro, den die Deutschen durch den Welthandel verdienen, stammt aus dem Handel mit Staaten aus dieser Region, von Südkorea und Japan bis Australien. Die Chinesen gefährden die Sicherheit dieser Seewege. Langsam wird allen bewusst: Wir alle sind aneinander gekettet und sitzen in ein und demselben Boot.

China und Taiwan: „Viele deutschen Politiker sind vorsichtig, sie achten auf die Regeln“

Sie hatten unlängst die Hoffnung geäußert, Parlamentspräsidentin Bärbel Bas würde dem Beispiel von Nancy Pelosi folgen und Taiwan besuchen. Danach sieht es allerdings nicht aus …

Deutschland braucht oft viel Zeit, um seine Politik zu verändern. Viele deutsche Politiker sind vorsichtig, sie achten auf die Regeln und den Status quo. Der Status quo darf aber nicht allein von den Chinesen definiert werden. Die Frage ist, ob Deutschland bereit ist zu tun, was getan werden muss, wenn es sich als Teil der demokratischen Wertegemeinschaft versteht. Schlimm wäre es, wenn man immer erst nach China blicken würde, bevor man sich entscheidet, etwas zu tun. Die Amerikaner trauen sich da mehr als andere Länder. Ich weiß aber auch, dass sich schon viel verändert hat, seit die neue Bundesregierung im Amt ist. Viele Politiker hierzulande trauen sich jetzt mehr, China die Stirn zu bieten, und setzen sich für Taiwan und für die Freiheit ein.

Sie sind kein offiziell in Deutschland akkreditierter Botschafter, sondern müssen sich mit dem Titel als „Repräsentant“ begnügen. Haben Sie trotzdem gute Kontakte zur deutschen Politik?

Ich bin vielleicht kein Botschafter, aber ein Bootschafter – weil wir alle im selben Boot sitzen. Ich habe freien Zugang zum Auswärtigen Amt, allerdings nicht zu den höchsten Ebenen. Wir pflegen dennoch gute Kontakte, auch zum Wirtschafts- und Verkehrsministerium. Herr Steinmeier als Bundespräsident hat mich allerdings noch nicht empfangen – aber das muss nicht heißen, dass das nicht in der Zukunft passieren kann. Steter Tropfen höhlt den Steinmeier ...

China würde wohl äußerst erbost reagieren, wenn es zu einem Treffen mit dem Bundespräsidenten käme …

Ja, und ich habe auch zu einem gewissen Grad Verständnis für die Zurückhaltung der Deutschen. Aber soll man etwas lassen oder tun, nur weil die Chinesen sich ärgern würden? Wer ärgert die Chinesen denn am meisten? Die Taiwaner! Uns gibt es heute noch immer, trotz all der Drohungen aus China. Wir entwickeln unsere Demokratie immer weiter, sind heute – Eigenlob stinkt nicht – ein Musterbeispiel für Freiheit. Peking behauptet immer, dass Menschen- und Bürgerrechte nicht zur chinesischen Kultur passen würden. Wir Taiwaner beweisen jeden Tag das Gegenteil. Sie drohen uns mit Militär – wir drohen ihnen mit Demokratie!

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