Spieletest

Persona 5 im Test: Fesselnde Reise ins Innerste

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Gemeinsam mit unseren Freunden erkunden wir Japan - und die Herzen unserer Widersacher.

Die Geduld der Fans hat sich gelohnt: Neun Jahre mussten sie auf einen Nachfolger von Persona 4 warten. Doch nun wartet auf sie das fast perfekte JRPG.

Ich bin ein klassischer Persona-Spätstarter. Sicher hatte man schon davon gehört, dass die Spiele der „Shin Megami Tensei“-Reihe, wie die Personas in Japan heißen, exzellent sind. Und doch brauchte es einen langen Strandurlaub, um auf den Geschmack zu kommen. 2012 hatte das Entwicklerstudio Atlus sein mit Preisen überschüttetes „Persona 4“ mit dem Zusatz „Golden“ aufgebohrt und nachpoliert für die tragbare Playstation Vita herausgebracht. Wie sich im Laufe der Zeit zeigen sollte, eine ideale Kombination.

Ob der Nachfolger Persona 5 jemals für die Vita erscheinen wird, steht in den Sternen. Obwohl auch das sicher die bestmögliche Kombination wäre. Doch dazu später.

Braver Streber am Vormittag, Meisterdieb nach Schulschluss

Zunächst einmal ist Persona 5 ein typisches „Persona“ mit allem, was die Serie ausmacht. Ich spiele wieder einmal einen Schüler, der die Schule wechseln musste. Der daraufhin seinen Schulalltag managen muss, Freundschaften knüpfen und pflegen, das Mädchen seiner Träume finden, einen Nebenjob annehmen, um bei Kasse zu bleiben. Allein das würde eigentlich schon ausreichen, um ein Spiel zu füllen. Doch der Name „Persona“ kommt nicht von ungefähr. Denn das Spiel hat noch eine zweite Ebene, auf der wir in die Gedankenwelt böser Menschen eindringen und ihre geheimen Perversionen bekämpfen.

Klingt seltsam? Ist es für westliche Spieler im ersten Moment auch. Allerdings bewahrheitet sich einmal mehr die Erzähler-Regel: „Eine Grundannahme kann so abgedreht und schwachsinnig sein, wie sie will. Sie muss nur in sich logisch und spannend erzählt sein.“ Und genau das schafft auch Persona 5 vortrefflich. Bald wundert man sich kein Stück mehr darüber, dass meine Freunde und ich per Handy-App in die Gedankenpaläste unserer Widersacher einbrechen können. Oder dass eine sprechende Katze Mitglied unserer Party ist und diese sich im Bedarfsfall in einen Bus verwandeln kann. Ist halt so. Macht nichts. Ich will wissen, wie es weitergeht.

Denn „Persona 5“ ist hochspannend, fantastisch erzählt und kann mit Charakteren aufwarten, die mehr sind als bloße Pappkameraden. Das ähnlich umfangreiche „Mass Effect Andromeda“ (den Test lesen Sie hier) kann sich da durchaus eine Scheibe abschneiden. Es lässt sich also sagen, dass Persona 5 ziemlich viel genauso macht wie sein direkter Vorgänger - allerdings in fast jeglicher Hinsicht besser.

Persona 5 lässt sich manchmal etwas zuviel Zeit

Ausgerechnet bei der Geschichte allerdings kommt der neue Teil nicht an „Persona 4“ heran. Und das in mehrerlei Hinsicht. Persona 4 mit seiner Geschichte über einen verrückten Serienmörder packte mich von der ersten Minute an. Der Kniff, dass ich nahezu jedes Mitglied meines Teams aus dessen Fängen befreien musste, indem ich die einzelnen Protagonisten dazu brachte, sich ihren tiefsten Ängsten zu stellen und als Teil ihrer selbst zu akzeptieren, sorgte für einen steten Fortgang der Story und dafür, dass einem die einzelnen Teammitglieder ans Herz gewachsen sind. Persona 5 lässt sich Zeit. Sehr viel Zeit, manchmal zuviel Zeit. Auch nach zehn Stunden Spielzeit ist man nicht aus dem Tutorial heraus, nach zwanzig Stunden hat man den ersten Dungeon gelöst und kann sich immer noch nicht vollkommen frei in der Welt bewegen. Der Wechsel zwischen zwei Zeitebenen macht zwar Lust auf mehr, beantwortet aber allzu lange nicht die Frage, was das eigentlich soll.

Dazu kommt die grundsätzliche Stimmung. Persona 4 verstrahlte bei allen kontroversen Themen, die auch in diesem Spiel angesprochen wurden, Wärme und Lebensfreude. Wir lebten in einer Kleinstadt, hatten Spaß mit unseren Freunden, kümmerten uns um die kleine Tochter unseres Onkels - das war immer warmherzig. Persona 5 ist düster und grimmig. Unser Schulwechsel kommt dadurch zustande, dass wir verurteilt wurden, als wir sahen, dass ein fieser Typ sich einem Mädchen aufdrängte. Der behauptete später, dass wir ihn angegriffen hätten. Deswegen sind wir - zumindest zu Beginn (also gern auch mal 30 Stunden lang) - an der Schule der argwöhnisch beäugte Gewalttäter. Auch die Themen, die im Spiel angesprochen werden, sind ein Schlag in die Magengrube. Schon unser erster Gegner im Spiel, der Trainer des Volleyballteams unserer Schule, ist ein Sadist, der seine Spieler körperlich misshandelt und der die Mädchen in der Schule sexuell belästigt.

Nur auf Englisch und nichts für Kinder

Das ist harter Tobak. Daher sei hier noch einmal in aller Deutlichkeit gesagt: Ja, Persona 5 sieht harmlos aus, hat viele (exzellente) Anime-Zwischensequenzen, niedliche Gegner und Teammitglieder. Und doch gehört es aufgrund der Thematiken, die angesprochen werden, keinesfalls in Kinderhände. Wobei die Kinder ohnehin wahrscheinlich nicht wahnsinnig viel damit anfangen könnten. Denn Persona 5 erscheint in Deutschland ausschließlich in englischer Sprache - selbst deutsche Untertitel sucht man vergebens. Das ist mit Blick auf den gigantischen Umfang des Titels nachvollziehbar. Allerdings sollte man schon zumindest gutes Schulenglisch mitbringen, um der Geschichte und den vielen, vielen, vielen Unterhaltungen folgen zu können.

Große Kunst statt schnöder Texttafeln

Was auch ein visueller Genuss ist. Denn Persona 5 hat die schönsten Menüs, die man bisher in einem Videospiel gesehen hat. Das mag jetzt wie eine Kleinigkeit klingen, ist aber gerade bei einem Rollenspiel von immenser Bedeutung. Auch nach dem 1000. Zufallskampf im Dungeon freut man sich immer noch auf den Abschlussscreen, auf dem in optisch umwerfender Art und Weise die Beute und die Erfahrungspunkte zusammengefasst werden, während schmissiger Jazz vor sich hindudelt. Auch sonst ist Persona 5 mit seinem an Mangas orientierten Look eine Augenweide. Technikfetischisten werden mit Blick darauf, dass das Spiel sowohl für Playstation 3 als auch PS4 erschienen ist, die eine oder andere unscharfe Textur ausmachen. Aber das macht überhaupt nichts. Persona 5 ist stylisch von Anfang bis Ende.

Speichersystem wie vor 15 Jahren 

Wobei die Tatsache, dass es auch noch für die PS3 herausgekommen ist, die Hoffnung nährt, dass das Spiel vielleicht doch noch für die Vita umgesetzt werde könnte wie dereinst der Vorgänger. Dann würde auch der einzige Punkt, der mich beim Test wirklich genervt hat, wegfallen: Die Speicherpunkte sind zum Teil sehr weit auseinander. Es kann - gerade bei den teils ausufernden Dialogen - schnell passieren, dass man 30 oder 45 Minuten spielt, ohne speichern zu können. Bei der Vita ist das kein Problem. Ein kurzer Knopf gedrückt, das Gerät geht in den Tiefschlaf und man kann später einfach an der Stelle weiterspielen, an der man war. Bei der PS4 Pro ist das nicht so einfach. Die verheizt schon ganz ordentlich Strom, so dass man die Konsole sicher nicht bis zum nächsten Abend durchlaufen lässt. So steht man immer wieder vor der Entscheidung, ob man nun Ärger bekommen will, weil man noch bis zum nächsten Speicherpunkt weiterspielt, oder aber morgen noch einmal 20 Minuten Dialoge lesen und wegklicken möchte. Sicher: Ein Autosave-System nach jedem Kampf hätte das Spiel vielleicht zu einfach gemacht. Aber warum man im Jahr 2017 dennoch darauf verzichtet, kann, will und werde ich nicht verstehen.

Fazit

Persona 5 ist der erwartete große Wurf geworden. Es ist riesig, fesselnd und überraschend erwachsen bei der Themenwahl. Es ist wunderschön, zeigt, dass Menüs nicht nur Texttafeln, sondern Kunst sein können. Wer es kauft, der hat die nächsten Monate alle Hände voll zu tun. Ein Pflichtkauf für alle, die mit japanischen Rollenspielen, überdrehten Geschichten und Charakteren etwas anfangen können und gut Englisch sprechen. Denn eine deutsche Übersetzung gibt es leider nicht.

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