1. Ludwigshafen24
  2. Ludwigshafen

„Unangebracht“ – Grüne im Stadtrat gegen Michail-Gorbatschow-Straße in Ludwigshafen

Erstellt:

Von: Peter Kiefer

Kommentare

Ludwigshafen - Erhält nach Altkanzler Helmut Kohl (†87) auch sein politischer Weggefährte und Freund Michail „Gorbi“ Gorbatschow (†91) eine nach ihm benannte Straße in der Chemie-Stadt?

Update vom 21. November: Die Idee, „Gorbi“ mit einer nach ihm benannten Straße zu ehren, stößt bei den Grünen im Stadtrat auf massiven Gegenwind: „Einer Straßenbenennung nach Michail Gorbatschow stimmen wir nicht zu. Der ehemalige sowjetische Präsident war während seiner Amtszeit auch für den „Blutsonntag von Vilnius“ verantwortlich und hat in jüngerer Zeit die völkerrechtswidrige Annexion der Krim durch Russland verteidigt. Aus diesem Grund halten wir eine Ehrung von Gorbatschow für äußerst unangebracht,“ kommentiert Hans-Uwe Daumann (Die Grünen im Rat).

Hintergrund: Der Antrag der FWG wird am 22. November in den Ortsbeiräten der Südlichen Innenstadt und der Nördlichen Innenstadt diskutiert, da die FWG die geplante Brücke über das Bahngelände nördlich des Hauptbahnhofs zur Benennung vorgeschlagen hatte.

Der frühere russische Präsident Michail Gorbatschow und Altkanzler Dr. Helmut Kohl (CDU) im Jahr 2003. (Archivfoto)
Der frühere russische Präsident Michail Gorbatschow und Altkanzler Dr. Helmut Kohl (CDU) im Jahr 2003. (Archivfoto) © David Brody/picture-alliance /dpa/dpaweb

Gisela Witt, die Grünen-Fraktionsvorsitzende im Ortsbeirat der Nördlichen Innenstadt: „Zurzeit werden Vorschläge für Straßennamen nur so aus dem Ärmel geschüttelt, gerne für Straßen, die bisher nur geplant sind. Wir hätten in Ludwigshafen eine Reihe von Menschen zu ehren, die einen starken Ludwigshafen-Bezug aufweisen, aber auch klar für Menschenrechte, Freiheit und demokratische Werte eingetreten sind. Wir setzen auf die Straßenkommission und erwarten ein Rahmenkonzept für neue Straßennamen, das auch für mehr Geschlechtergerechtigkeit sorgt.“ 

Nach Helmut-Kohl-Allee: Bekommt Ludwigshafen eine Michail-Gorbatschow-Straße?

Erstmeldung vom 7. November: Der in Ludwigshafen geborene Altkanzler Helmut Kohl (†87) wird diese Ehre in seiner Heimatstadt bekanntlich erfahren – jetzt soll auch sein langjähriger politischer Wegbegleiter und Freund Michail „Gorbi“ Gorbatschow seine eigene Straße in der Chemie-Stadt erhalten. Denn Politiker in der zweitgrößten Stadt in Rheinland-Pfalz denken darüber nach, den früheren russischen Präsidenten im Straßenbild zu verewigen.

In Ludwigshafen: Ehrt die Stadt Michail Gorbatschow mit einer Straße?

Es wäre wohl die erste Straße mit diesem Namen in ganz Deutschland – und ein starkes Zeichen für Völkerverständigung in den aktuellen, von Russland ausgelösten Kriegszeiten. Für viele eignet sich kaum einer besser dafür als der am 22. August 2022 verstorbene Friedensnobelpreisträger Gorbatschow.

Für die kulturpolitische Sprecherin der SPD-Stadtratsfraktion, Eleonore Hefner, war die Reformpolitik des Ex-Kremlchefs die Voraussetzung für das Ende des Kalten Krieges: „Gorbatschows Name steht auch für eine historische atomare Abrüstung“, betont Hefner. Favorit für die Ehrung ist für sie eine geplante neue Brücke. Genau das würde sehr gut passen, so ihr Pendant bei den Grünen, Hans-Uwe Daumann: „In Ludwigshafen ist es Tradition, politischen Brückenbauern wie Konrad Adenauer, Kurt Schumacher und Theodor Heuss Brücken zu widmen.“

Haben bald alle Väter der Deutschen Einheit ihre eigene Straße in Ludwigshafen?

Während Gorbatschows Platz in der Deutsch-Deutschen Geschichte mit der Wegebnung für den Fall der Berliner Mauer 1989, der sich am Mittwoch (9. November) erneut jährt, sicher ist, ist sein Platz in Ludwigshafen noch unklar. Seine Politik von Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umgestaltung) hat „Gorbi“, wie er in Deutschland oft genannt wurde, unsterblich gemacht.

Auch für CDU-Stadtratsfraktionschef Peter Uebel wäre eine solche Würdigung ein starkes Zeichen. Er plädiert jedoch dafür, dass Historiker der Stadt zunächst Gorbatschows Wirken aufarbeiten sollten. Doch was ist mit dem großen Anteil der USA an der Wiedervereinigung?

„Gorbatschow alleine würde dem historischen Ablauf nicht gerecht werden“, betont Uebel. „Es ist sicher auch der 2018 gestorbene
US-Präsident George Bush senior zu nennen, ohne den die Einheit nicht möglich gewesen wäre.“ Bush, Gorbatschow und Helmut Kohl, der Kanzler der Einheit, würden stets zusammen als „Väter der Einheit“ geehrt. „Einen Änderungsantrag hierzu werden wir in den entsprechenden Sitzungen stellen.“

Diskussion über Gorbatschow-Straße in Ludwigshafen – Freie Wähler hatten die Idee

Die Diskussion geht zurück auf die Freie Wählergruppe (FWG) im Ludwigshafener Stadtrat. Sie hatte beantragt, dass die Verwaltung die Benennung prüfen soll. Gorbatschows „besonnene Art und der vorurteilsfreie Blick“ hätten die Geschichte nachhaltig verändert, heißt es in dem Antrag an den Bau- und Grundstücksausschuss, der das Thema unlängst an die Straßen-Benennungskommission der Stadt verwies.

Baudezernent Alexander Thewalt (parteilos) spricht von einem „sympathischen Vorschlag“, gerade nach der jüngsten Benennung einer Straße nach Helmut Kohl, der zusammen mit Gorbatschow viel erreicht habe. Thewalt verbindet Gorbatschow mit einem „unfassbar positiven Aufbruch“. Hoffentlich passiert den Pfälzern dann nicht so ein peinlicher Fehler wie der Stadt Mannheim bei der Ehrung für Altkanzler Helmut Schmidt mit der ihm gewidmeten Brücke.

Das fehlerhafte Straßenschild am Helmut-Schmidt-Platz in Mannheim.
Das fehlerhafte Straßenschild am Helmut-Schmidt-Platz in Mannheim wurde erst nach Wochen ausgetauscht. (Archivfoto) © Uwe Anspach/picture alliance/dpa

Ehrung für „Gorbi“ in Ludwigshafen – vieles spricht für eine Brücke

Mit einem baldigen Votum ist in Ludwigshafen jedoch nicht zu rechnen. „Wir sollten uns Zeit nehmen, eine richtige Entscheidung zu treffen“, sagt Raik Dreher, Vorsitzender der Stadtratsfraktion Grünes Forum und Piraten. „Der Vorschlag, eine neue Brücke nach Gorbatschow zu benennen, hat Charme und knüpft an sein Lebenswerk an, nämlich im übertragenen Sinne Brücken zu bauen und verschiedene Lager zu einen.“

Das Bauwerk werde aber wohl erst in einigen Jahren entstehen. „Sicher wird es noch andere Möglichkeiten geben, eine neue Straße, die Gorbatschow gerecht wird, diesen Namen zu verleihen“, meint Dreher. Auch Hans-Uwe Daumann von den Grünen will zunächst eine Bewertung von Gorbatschows Politik. „Auch seine Fehlleistungen sollten einfließen: der „Blutsonntag von Vilnius“ etwa und seine Verteidigung der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim durch Russland“, meint er.

Der frühere US-Präsident George Bush (l-r), der frühere russische Präsident Michail Gorbatschow und der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) sitzen nach bei der Verleihung des „Order of White Lio“ im Schloss nebeneinander.
Der frühere US-Präsident George Bush (l-r), der frühere russische Präsident Michail Gorbatschow und der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) sitzen nach bei der Verleihung des „Order of White Lio“ im Schloss nebeneinander. © Michal Dolezal/picture alliance/dpa/CTK

Nach Tod von Michail Gorbatschow – viele Städte denken über Würdigung nach

Ludwigshafen ist indes nicht die einzige Stadt, die eine solche Ehrung plant. Gorbatschows Tod Ende August löste gleichermaßen eine „Würdigungswelle“ aus, so denken auch etwa Berlin und Dresden über eine Straße oder einen Platz für den 1931 geborenen Politiker nach. In Ludwigshafen stehe zur Diskussion, dass sich die geplante Brücke an die Helmut-Kohl-Allee in Ludwigshafen anschließe, sagt Uebel. „Das ist sicher eine gute Ausgangsidee.“

Übrigens: Unser LUDWIGSHAFEN24-Newsletter informiert Dich regelmäßig über alles Wichtige, was in Deiner Stadt und Region passiert.

Ähnlich sieht es Eleonore Hefner von der SPD. „Es liegt nahe, dass man sie zur Helmut-Kohl-Allee fügt“, sagt die kulturpolitische Sprecherin. „Wir begrüßen, wenn in den Straßennamen der Stadt auch nicht-deutsche Menschen geehrt werden, die sich für Menschenrechte und Frieden verdient gemacht haben.“ (dpa/pek)

Auch interessant

Kommentare