Comeback eines Klassikers

Adé, Abstellgleis: Alte Bahnen trotzen der Sperrung der Hochstraße Süd

+
Ein Mitarbeiter der Rhein-Neckar-Verkehr GmbH lernt das Fahren einer historischen Straßenbahn vom Typ ET6.

Ludwigshafen - Zehntausende Pendler über den Rhein stöhnen über die Sperrung der wichtigen Verkehrsachse in Ludwigshafen. Nun soll ein Stück Industriegeschichte aus dem Depot wichtige Abhilfe schaffen.

Comeback eines Klassikers: Als Reaktion auf die gesperrte Hochstraße Süd in Ludwigshafen reaktivieren die örtlichen Verkehrsbetriebe historische Straßenbahnen. „Es geschieht aus der Not heraus“, sagt Florian Benz von der Rhein-Neckar-Verkehr GmbH (rnv). Wegen der Sperrung der maroden Hochstraße seit August seien viele Pendler vom Auto auf die Bahn umgestiegen - bei der rnv sei das Passagieraufkommen bis zur Sperrung der Durchfahrten unter der Brücke am 22. November um rund zehn Prozent gewachsen. „Weil mit der Hochstraße eine Rheinüberschreitung dicht ist, müssen wir alle Linien verstärken“, betont Benz. „Wir haben schlicht Mehrbedarf.“ 

Matt glänzend und mit einigen übermalten Roststellen steht die einst aussortierte Tram an der Endhaltestelle in Ludwigshafen-Rheingönheim. 1965 war sie feierlich in Betrieb genommen worden. Als technische Neuerungen jedoch Einzug hielten in den Nahverkehr, verschwand der etwa 30 Tonnen schwere Koloss im Depot. „Oft dienten die veralteten Bahnen dann als Ersatzteillager“, erzählt Benz. Nun aber feiert der Veteran ein umjubeltes Comeback. „Die meisten älteren Bahnen waren relativ einfach zu aktivieren, wir mussten nur etwa die Sitze herrichten oder mal einen Kurzschluss beseitigen.“ 

Weihnachten und Silvester 2019 in der Region: So fahren Busse und Bahnen.

Ludwigshafen: Doch wer kann die Oldtimer mit der damals üblichen Kurbeltechnik noch steuern? 

Während heutige Straßenbahnfahrer praktisch nur Knöpfe drücken und einen Steuerhebel bewegen, ist bei den alten Wagen des Typs ET6 unablässige Handarbeit gefordert. „Mit einer Kurbel steuert der Fahrer die Stromzufuhr und damit auch die Geschwindigkeit der Bahn, die immerhin bis zu 70 Stundenkilometer schafft“, sagt Thomas Gebhart. Er ist der „Fahrlehrer“ und bringt rnv-Mitarbeitern innerhalb von fünf Tagen das Wissen von gestern bei. „Um eine solche Bahn zu fahren, ist viel Fingerspitzengefühl nötig“, meint Gebhart. An diesem sonnigen Dezembertag steuert Steven Zercher die Bahn. „Ich erfülle mir sozusagen einen Kindheitstraum“, erzählt er. 

Ludwigshafen nimmt alte Straßenbahnen in Betrieb

Als kleiner Junge fuhr der Mannheimer oft in einer Tram dieses Typs mit. Nun steuert er sie. Gemächlich geht es an Hinterhöfen und Gärten vorbei, testweise werden Stationen angefahren. Zercher dreht an der Kurbel, Zahnräder greifen deutlich hörbar ineinander, unter der Sitzbank klicken elektrische Kontakte. Gebhart passt genau auf, damit später im Normalverkehr alles gut läuft. „Es hat gebatscht“, ruft der 51-Jährige dem Fahrer in Kurpfälzer Dialekt zu, „überprüf den Motor.“ 

Auch interessant: Abfahrten der Hochstraße Nord werden vorübergehend gesperrt – alle Infos

Ludwigshafen: Veteranen schließen Lücke bis 2021 

Neue Straßenbahnen hat rnv bestellt, aber die ersten Exemplare werden frühestens 2021 ausgeliefert. Insgesamt investiert das Unternehmen etwa 250 Millionen Euro in 80 Bahnen von Hersteller Skoda. Bis dahin schließen die Veteranen die Lücke - obwohl sie zahlreiche Nachteile gegenüber aktuellen Modellen haben. „Es gibt keinerlei Automatik, auch beim Bremsen nicht“, sagt Gebhart. Zudem seien die Modelle nicht barrierefrei. 

Mit Hilfe einer Kurbel steuert ein Mitarbeiter eine historische Straßenbahn vom Typ ET6 der Rhein-Neckar-Verkehr GmbH.

„Es ist ein Stück Industriegeschichte“, erklärt Benz. Auch deswegen hätten sich viele Fahrer gemeldet, um die Kurbelwagen zu steuern. „Es gibt wirklich ein Rieseninteresse. Manche haben diese Modelle noch gefahren. Klar ist auch ein Stück Nostalgie dabei.“ Die bejahrten Züge mit der robusten Technik haben Charme. Ab und zu sei die eine oder andere Bahn bei Volksfesten wie dem Bad Dürkheimer Wurstmarkt oder dem Mannheimer Maimarkt wegen der vielen Besucher im Einsatz gewesen, sagt „Fahrlehrer“ Gebhart, der seit 1989 beim Unternehmen ist. 

Mehr zum Thema: Hochstraße Süd – Abriss könnte sich verzögern – aus diesem Grund

Ludwigshafen: Gemeinderat beschließt Abriss der Hochstraße Süd 

Gebraucht werden die Klassiker wohl noch länger. Denn wann die Verkehrsprobleme in Ludwigshafen gelöst ist, ist offen. Der Stadtrat der pfälzischen Kommune hat diese Woche den Abriss der einsturzgefährdeten Hochstraße Süd beschlossen. Wann genau aber die Demontage der auf pilzförmigen Stützen ruhenden Straße beginnen kann, ist unklar. Die Gesamtkosten werden auf mehr als 15 Millionen Euro geschätzt. Es wird damit gerechnet, dass sie spätestens Ende 2020 abgeschlossen sein könnte. Wegen Rissen im Beton ist eine der wichtigsten Verkehrsachsen der Region derzeit gesperrt. Ende November wurden die Sperrungen ausgeweitet, seither darf auch unter der Straße kein Verkehr mehr unterwegs sein - was auch Straßenbahnen betrifft. 

An diesem Donnerstag (12. Dezember) wollen die rnv sowie die Hochschule und die Stadtverwaltung von Ludwigshafen bei einer Veranstaltung über die Hochstraßen Süd und Nord informieren (Rhein-Galerie, 15 bis 19 Uhr). Erwartet wird auch Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck (SPD).

dpa

Mehr zum Thema

Kommentare