„Die Materialien müssen passen“

Als Jurorin beim Cosplay-Wettbewerb

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Cosplayerin Annabell Huwig während eines Workshops an einem Cosplay-Kostüm.

Ludwigshafen - Sie schlüpfen in die Rollen von Pokemons und Prinzessinnen, aber auch von Einhörnern, Rittern und Drachen: „Cosplayer“, die Figuren aus japanischen Comics spielen.

Japan und Chile, Kanada und Neuseeland: Annabell Huwig aus Ludwigshafen ist in ihrer Eigenschaft als Jurorin bei Wettbewerben für „Cosplayer" schon weit herumgekommen. Cosplayer versuchen, Figuren aus japanischen Comics („Mangas"), aber auch aus Filmen oder Computerspielen, mit Kostüm, Make-Up und Verhalten möglichst originalgetreu darzustellen – das Wort ist aus den Begriffen „Costume Roleplayer“ gebildet. 

Doch auch Fans von US-Filmen oder deutschen Märchen kommen als Akteure oder Zuschauer auf ihre Kosten bei den Festivals, die weltweit organisiert werden und mitunter bis zu 100.000 Teilnehmer anziehen. Auch in Ludwigshafen geht alljährlich ein Treffen über die Bühne. 

Das 13. ‚Hanami‘-Festival im Pfalzbau

Bei den Wettbewerben wird der Auftritt und das meist selbst gemachte Outfit von Cosplayern bewertet. Die Kriterien sind nicht ohne. „Eine Prinzessin kann kein Baumwollkleid tragen, es muss schon Samt und Seide sein, die Materialien müssen passen“, erklärt Jurorin Huwig. Es dürfen auch keine Fäden raushängen. 

Bevor die Akteure auf der Bühne tanzen, singen oder Kämpfe vorspielen, dürfen sie erklären, was sie sich zu ihrem Auftritt überlegt haben. Zwar müssten Ähnlichkeiten zum gewählten Manga- oder Comic-Vorbild zu finden sein, aber es sei auch möglich, der Figur einen eigenen Touch zu geben, erklärt Huwig, die eigentlich Bibliothekarin bei der Stadtbibliothek Ludwigshafen ist. Die 29-Jährige war als Cosplay-Jurorin schon in 36 Ländern aktiv – und trug dabei selbst Verkleidungen. An ihrem Arbeitsplatz in der „Ideenw3rkstatt“ gibt sie auch Cosplay-Seminare

Cosplayerin Annabell Huwig (r) hilft am während eines Workshops, der Teilnehmerin Sumaia beim Bedienen einer Nähmaschine

An einem Dezembertag suchen acht Cosplayer mit Huwigs Hilfe in den gut bestückten Schränken der Bibliothek nach dem richtigen Stoff, nach Bordüren, Pailletten und Knöpfen. Sie arbeiten an ihrem Outfit für das nächste Japanfestival „Hanami“ im Mai in Ludwigshafen. Zusammen macht das mehr Spaß.

Japanisches Bilderbuch: „Hanami – Con meets Festival“

Der 16-jährige Alexander Portillo stellt ein grünes Stirnband fertig. In seiner neuen Figur als „Gray“ – einer der Helden aus dem Spiel „Fire Emblem Echoes“ – will der Schüler Drachen besiegen und das Land retten. Klassenkamerad Sami Ghafari näht aus rotem Stoff gerade ein Kostüm für eine Rolle aus der japanischen Zeichentrickserie „Sailor Moon“. Er will Haruka Tenoh spielen, ein Mädchen, das mit einer männlichen Schuluniform wie ein Junge aussieht. 

Auch die seelische Betreuung der jungen Fans ist Huwig ein Anliegen. „Meine Eltern mögen mein Hobby nicht, was soll ich tun?“, ist eine Frage, die sie häufig beantworten muss. Realitätsflucht wirft man den Cosplayern oft vor. Huwig rät den Jugendlichen, ihre neuen Freunde nach Hause mitzubringen und den Eltern, sich über die Kreativität ihrer Kinder zu freuen. „Besser das Kind näht und bastelt und erwirbt dabei Fähigkeiten, die fürs Leben wichtig sind, als dass es sich besäuft“, sagt sie. 

Die Kulturwissenschaftlerin Karen Heinrich sieht das genau so. Sie hat nach eigenen Angaben die erste wissenschaftliche Arbeit zum Thema in Deutschland verfasst. „Cosplay macht es möglich, unmögliche Rollen auszuprobieren: Mutanten mit Superkräften, Geheimagenten, Könige und Kriegerinnen. Die Fans beschäftigen sich intensiv mit den Charakteren und nutzen das Cosplay auch, um mal Aspekte der eigenen Persönlichkeit auszuleben, für die im Alltag kein Platz ist“, ist ein Ergebnis ihrer Doktorarbeit „Cosplay und Costuming. Die kulturelle Praxis von Fans japanischer und amerikanischer Populärkultur“. Auch Geschlechterrollen kann man so erproben.

Cosplayer Benjamin Esenwein (23)

 

Ausprobieren ist auch für Benjamin Esenwein aus Weinheim ein Thema. „Serienkiller, verrückte Psychopathen und Totenbeschwörer, dunkel und aggressiv, ganz das Gegenteil von meinem Charakter, spiele ich gern“, erzählt der 23-Jährige, der in Ludwigshafen als stellvertretender Lagerleiter arbeitet. „Die Kostümherstellung ist für die meisten Cosplayer ein wichtiger Aspekt, hier kann man seine eigene Interpretation des Charakters erschaffen und sich handwerklich und künstlerisch ausleben“, sagt Heinrich. Nicht nur als Fan konsumieren, sondern selber nähen und zeichnen, also die Geschichte weiter zu gestalten, sei Cosplayern wichtig. 

Jurorin Huwig verdient mit ihrem Nachmittags-Kurs nichts zusätzlich. Fünf Euro beträgt der Beitrag für die Teilnehmer. Dafür haben sie gemeinsam viel Spaß am Nähen und Basteln. Huwig freut sich auf ihren nächsten Auftritt als Jurorin im Mai im österreichischen Linz. Ihr Richter-Kostüm steht auf der Schneiderpuppe schon bereit.

dpa

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