Andrjia K. (63) soll falsche Rohrleitung angeschnitten haben

Angeklagter sagt im BASF-Prozess aus: „Das hat mein Leben kaputt gemacht“

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Angeklagter Andrija K. setzt seine Aussage im BASF-Prozess fort. 

Frankenthal - Am Mittwoch (9. April) setzt der Angeklagte im BASF-Prozess seine Aussage fort. Dabei geht es auch um den Tag des Unglücks, bei dem fünf Menschen starben.  

  • Am 5. April wird derBASF-Prozess mit der Aussage des Angeklagten fortgesetzt.
  • Andrija K. (63) soll eine falsche Rohrleitung angeschnitten und so das Unglück ausgelöst haben.
  • Bei den darauffolgenden Explosionen kamen fünf Menschen ums Leben.
  • Der Schweißer leidet seit der Katastrophe im Landeshafen der BASF an psychischen Problemen
  • Am Mittwoch (10. April) soll es in seiner Aussage um den Unglückstag gehen

Update 12:30 Uhr: Nach der kurzen Pause scheint sich die Befragung im Kreis zu drehen. Es wird nicht ganz klar ob sich der Angeklagte auf seine eigenen Erinnerungen beruft oder auf Erzählungen. Andrjia K. gerät zunehmend unter Druck und verwickelt sich in Widersprüche. Richter Uwe Gau konfrontiert ihn mit dem Ergebnis der Kriminaltechnik. Demnach sei das richtige Rohr nicht angeschnitten gewesen. Der Angeklagte beruft sich auch hier wieder darauf, dass er sich nicht erinnern könne.  

Update 11:15 Uhr: Der Angeklagte äußert sich einigen Sätzen zum Unglückstag. Er ist sichtlich ergriffen und schluckt immer wieder schwer während seiner Aussage. Der 17. Oktober wäre ein Tag wie jeder andere gewesen. Nach der Besprechung hätte Andrjia K. seinen „Feuerschein“ abgeholt und sei mit seinem Vorarbeiter zum Rohrgraben gefahren. Dort wäre eine Probebohrung am Rohr vorgenommen worden, bei der überprüft wird, ob das Rohr frei wäre. Dann setze seine Erinnerung aus. An den Schnitt und was danach passierte, könne er sich nicht erinnern. Der Angeklagte ist sehr mitgenommen und sagt über das Unglück: „Das hat mein Leben kaputt gemacht“. Richter Uwe Gau ordnet daraufhin eine erneute Pause an. 

Update vom 10. April 10:30 Uhr: Der Angeklagte Andrjia K. lässt durch seinen Anwalt ausrichten, dass er bei seiner Aussage am Mittwoch, den 3. April überfordert gewesen sei und viel vergessen hatte. Er könne sich nun daran erinnern, dass er schon vor dem BASF-Unglück, im Jahr 2010 im Rohrgraben der BASF gearbeitet hat und würde seine Aussage gerne korrigieren. 

Update vom 10. April: Nachdem Richter Uwe Gau den BASF-Prozess am vergangenen Freitag aus Rücksicht auf den Angeklagten unterbrach, wird heute die Aussage von Andrjia K. fortgesetzt. Nachdem er zuvor Fragen zu seiner Person und den Abläufen seiner Arbeit in der BASF beantwortete, soll es nun um den Unglückstag gehen. Dem 63-Jährigen wird vorgeworfen, am 17. Oktober 2017 eine falsche Rohrleitung angeschnitten und so das BASF-Unglück verursacht zu haben.

Ein weiterer Prozess bewegt gerade die Öffentlichkeit: Am Landgericht Mannheim ist ein Mann angeklagt, der einen Rentner in der Innenstadt totgeprügelt haben soll. 

Angeklagter sagt im BASF-Prozess aus: „Ich bin nur ein Arbeiter“

Erst nach der Befragung aller Zeugen wollte der Angeklagte seine Aussage zum BASF-Unglück machen. Am Freitag (5. April) ist es dann so weit. Ohne die Hilfe seines bosnischen Dolmetschers will sich Andrija K. den Fragen des Richters und der Nebenklage stellen. Dem 63-Jährigen wird vorgeworfen, eine falsche Rohrleitung angeschnitten und dadurch die Katastrophe verursacht zu haben. 

Kurz vor der Verhandlung atmet Andrija K. tief durch. Lange hat er darauf gewartet, seine Aussage zu machen. Seit dem Prozessbeginn am 5. Februar ist viel passiert: Zwei Werksfeuerwehrmänner und ein Hafenmitarbeiter sagten vor Gericht aus, wie die Explosion auf dem BASF-Gelände am 17. Oktober ihr Leben für immer veränderte, ein Sicherheitsmitarbeiter schilderte, was sich seit dem BASF-Unglück in Sachen Sicherheit getan hätte, und ein Kollege des Angeklagten erklärte, dass Andrija K. immer sehr zuverlässig gearbeitet und ein großes Fachwissen vorzuweisen gehabt hätte.

Prozess zum BASF-Unglück: Verständigungsprobleme im Gerichtssaal

Zunächst äußert sich der Angeklagte zu seiner Person, beantwortet mit leiser Stimme die Fragen des Richters. Er sei geschieden, hätte zwei erwachsene Kinder und lebe in einer Mietwohnung. Seit 1987 arbeite er in Deutschland, seit 1992 lebe er auch hier. Gebürtig sei er aus Bosnien-Herzegowina, dort habe er auch eine Ausbildung zum Rohrschlosser gemacht. Zehn Jahre habe er für eine Rohrleitungsbau-Firma auf dem BASF-Gelände gearbeitet.  

Die Befragung des Angeklagten kommt nur schleppend voran. Immer wieder fragt der Richter nach Details, wie beispielsweise ob Andrija K. eine Fortbildung nach seiner Ausbildung gemacht hätte. Sprachliche Barrieren und das Hörgerät, das der Angeklagte seit dem BASF-Unglück tragen muss, führen dazu, dass der Dolmetscher ab und zu einspringen, oder dass der Richter seine Frage einfacher formulieren muss. 

BASF-Prozess: Der Angeklagte leidet unter den psychischen und physischen des BASF-Unglücks

Trotz der schwerfälligen Befragung hört Richter Uwe Gau geduldig zu, als der Angeklagte erzählt, dass er seit der BASF-Explosion mit psychischen und physischen Problemen zu kämpfen hat. 10 Prozent seines Körpers sind mit Verbrennungen 2. und 3. Grades gezeichnet, eine Sehne in seiner Schulter ist durch den Sturz am Tag des BASF-Unglücks gerissen und musste operiert werden. Auch sei er wegen der Verbrennungen operiert worden. Nach dem BASF-Unglück wurde ihm eine 70 prozentige Behinderung attestiert.  

Die Anwesenden im Gerichtssaal zeigen sich betroffen, als der Angeklagte aussagt, dass er nur ein bis zwei Stunden pro Nacht schläft und jeden Morgen ein Beruhigungsmittel nimmt. Auch hätte er seit dem Unglück mit Angstzuständen und Depressionen zu kämpfen. Die Frage des Richters, ob er jemals wieder in der Lage sein wird, zu arbeiten, kann er nicht beantworten. „Ich weiß nicht, was kommt, ich weiß nicht, was passiert“, sagt er mit gesenktem Kopf. 

Arbeitsabläufe und Sicherheitsvorkehrungen der BASF im Fokus 

Bevor es um den Unglückstag geht, interessieren sich der Richter und die Anwälte der Nebenklage vor allem für die genauen Arbeitsabläufe in der BASF. Wo und von wem werden Berechtigungsscheine und die sogenannten „Feuerscheine“ abgeholt? Wie gut kannte sich der Angeklagte mit diesen Scheinen aus? Welche Flex hat der Angeklagte normalerweise benutzt? Immer wieder setzt der Angeklagte an, um vom „Unglückstag“ zu sprechen – und muss von Richter Uwe Gau gebremst werden.

Angeklagter im BASF-Prozess: „Ich bin nur ein Arbeiter“

Alexander Klein, der Hinterbliebene eines getöteten Feuerwehrmannes vertritt, interessiert sich besonders für andere Firmen, die auf dem BASF-Gelände tätig sind: „Wissen Sie von anderen Firmen, die Rahmenverträge für den Rohrleitungsgraben hatten?“

Der Angeklagte kann diese Frage nicht beantworten und verweist darauf, dass er ja nur ein Arbeiter sei. Vielleicht könnte sein Vorarbeiter diese Frage beantworten. Am Ende der Befragung will Jan Schabbeck, Anwalt der geschädigten Feuerwehrleute, die Arbeit an Wochenenden näher beleuchten. Der Angeklagte hatte zuvor ausgesagt, dass er manchmal samstags gearbeitet hätte. „Welcher Grund wurde ihnen genannt, wenn Sie kurzfristig gefragt wurden, auch samstags zu arbeiten? Mussten etwa Arbeiten schnell erledigt werden?“

Der 63-Jährige kann auch diese Frage nicht beantworten und schüttelt den Kopf: „Ich bin nur ein Arbeiter. Wenn ich Zeit hatte, bin ich arbeiteten gegangen. Ich habe nicht gefragt, warum.“

Zur Mittagszeit unterbricht der Richter die Befragung. Er will den Angeklagten wegen seines Gesundheitszustands nicht überfordern. Zum Unglückstag wird sich der Andrija K. am Mittwochvormittag (10. April) äußern. 

Was ist bisher beim BASF-Prozess passiert? 

Nach der BASF-Explosion am 17. Oktober 2016 startet am 5. Februar 2019 der Prozess gegen Andrija K. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 63-Jährigen fahrlässige Tötung in 5 Fällen, sowie fahrlässige Körperverletzung in 44 Fällen und das fahrlässige Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion vor. Der Arbeiter einer Spezialfirma soll entgegen vorheriger Anweisungen eine falsche Rohrleitung angeschnitten und dadurch die Katastrophe verursacht haben. Sechs Minuten nach dem Schnitt sei es zu der Explosion gekommen. 

Zum Prozess sind 42 Zeugen und 10 Sachverständige geladen. Rechtsexperten schließen eine Bewährungsstrafe für den Angeklagten nicht aus.

Als Nebenkläger treten die Eltern eines getöteten Feuerwehrmanns, vertreten durch Rechtsanwalt Alexander Klein, und mehrere verletzte BASF-Feuerwehrmänner, vertreten durch Anwalt Jan Schabbeck, auf. 

Schon beim Prozessauftakt lässt der 63-jährige Angeklagte durch seinen Verteidiger angeben, dass er keine Erinnerung mehr an den Vorfall habe, jedoch die Folgen außerordentlich bedauere. Er kündigt an, erst aussagen zu wollen, nachdem alle Zeugen ausgesagt hätten. 

Emotionale Aussage zweier Feuerwehrmänner beim BASF-Prozess

In den nachfolgenden Prozesstagen schildern zwei Werksfeuerwehrmänner und ein Hafenmitarbeiter vor Gericht, wie sie die BASF-Katastrophe erlebt haben, und wie radikal sich ihr Leben seit diesem Tag verändert hat. Auch ein Kollege von Andrija K. sagt vor Gericht aus und beschreibt ihn dabei als zuverlässigen und ehrlichen Mitarbeiter

Am 12. März erklärt eine Sachverständige, dass der Schnitt am falschen Rohr alle darauffolgenden Brände und Explosionen ausgelöst habe. Sie spricht von einer „Kettenreaktion“.

Im Verlauf des BASF-Prozesses gerät auch Anwalt Klein immer wieder in die Schlagzeilen. Grund ist der parallel stattfindende Babymord-Prozess, bei dem er den Angeklagten David L. vertritt. 

kp  

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