DGB fordert Anti-Stress-Verordnung

Jeder Sechste macht Überstunden zum Nulltarif

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56 Prozent der Befragten gaben an, sie fühlten sich oft gehetzt - und nur 45 Prozent gehen davon aus, diese Belastung bis zum gesetzlichen Rentenalter durchhalten zu können.

Berlin - Leistungsdruck, Arbeitsverdichtung und permanente Verfügbarkeit: Viele Beschäftigte fühlen sich überfordert, machen sogar Überstunden zum Nulltarif. Die Gewerkschaften pochen auf eine Anti-Stress-Verordnung.

Ein Sechstel der Arbeitnehmer leistet regelmäßig unbezahlte Überstunden, um mit dem wachsenden Arbeitspensum fertig zu werden. Für immerhin ein Viertel trifft dies hin und wieder zu, ergab eine am Dienstag vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) in Berlin vorgestellte Umfrage unter 5800 Beschäftigten. Oft setzen sich die Betroffenen im Job dabei selbst unter Druck.

Für fast zwei Drittel (61 Prozent) erhöhte sich die Arbeitsintensität in den vergangenen zwölf Monaten nach eigener Einschätzung erneut. 56 Prozent der Befragten gaben an, sie fühlten sich oft gehetzt - und nur 45 Prozent gehen davon aus, diese Belastung bis zum gesetzlichen Rentenalter durchhalten zu können. „Es ist nicht gut bestellt um die Arbeitsbedingungen in deutschen Betrieben“, sagte DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach.

Die „relative Erholung am Arbeitsmarkt“ hat nach ihren Worten „nicht automatisch zu einer Entspannung bei den Arbeitsbedingungen geführt“. Der Druck sei weiter sehr hoch. Psychische Erkrankungen nähmen daher weiter zu, verursachten Kosten in Milliardenhöhe und seien inzwischen Hauptursache für Erwerbsminderungsrenten. „Dieser Zustand ist völlig unakzeptabel“, sagte die Gewerkschafterin und forderte „eine wirkungsvolle Anti-Stress-Politik“.

Kampf gegen "Prekarisierung" und "Armutslöhne"

Am häufigsten fällt Mehrarbeit zum Nulltarif nach eigener Einschätzung der Befragten im Bereich Erziehung und Unterricht an: Dort bejahten 45 Prozent die Frage danach. Von jenen, die insgesamt regelmäßig unbezahlte Überstunden leisten, gaben 44 Prozent an, dass der Arbeitgeber von ihnen ständige Erreichbarkeit erwartet. Für 43 Prozent der Beschäftigten reicht das Einkommen nach eigener Einschätzung nicht oder nur gerade so aus. 42 Prozent gehen davon aus, dass sie auch mit ihrer Rente später nicht über die Runden kommen.

Für Verdi-Chef Frank Bsirske zeigt dies, dass der Kampf gegen „Prekarisierung“ und „Armutslöhne“ weiter gehen muss: Noch immer verdienten etwa 1,2 Millionen Beschäftigte weniger als fünf Euro in der Stunde. Mit der Ausweitung befristeter Arbeitsverhältnisse werde zudem der Kündigungsschutz unterlaufen. Für eine Humanisierung der Arbeit „muss man also an mehreren Punkten ansetzen“.

Beschäftigte müssen selbst aktiv werden

Überstunden zum Nulltarif kommen nach Ansicht des Verdi-Chefs „faktisch einer Lohnsenkung gleich“, mit denen die Betroffenen ihre Arbeitgeber freiwillig subventionierten. Eine Änderung dieser Praxis müsse von den Beschäftigten selbst ausgehen. „Sie pflegen einen oft selbstzerstörerischen Umgang mit den eigenen Ressourcen.“ Damit müsse sich jeder Einzelne auseinandersetzen, meinte der Verdi-Chef.

Aus Sicht der Arbeitgeber zeichnet die DGB-Studie „ein verzerrtes Bild der Arbeitsbedingungen in Deutschland“. Die Fakten politisch und wirtschaftlich unabhängiger Institutionen zeigten ein anderes Bild. Danach verzeichne Deutschland auch im internationalen Vergleich Spitzenwerte bei der Arbeitszufriedenheit - und zwar deutlich über dem EU-Durchschnitt.

dpa

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