P&R-Platz und Bus-Shuttle im ,Feld'

„Es wäre das Aus“: Große Sorge um Heidelbergs Erholungsort

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Steht das Handschuhsheimer Feld vor dem Aus?

Heidelberg-Neuenheim - Wie kann der ätzende Verkehr im Neuenheimer Feld endlich verbessert werden? Die Stadt denkt über Maßnahmen nach. Doch die stoßen Gemüsebauern und Anwohnern sauer auf:

Es ist Freitagnachmittag (18. Januar). Die Januarsonne steht tief und taucht die vielen Äcker und Folientunnel im Handschuhsheimer Feld in ein goldenes Licht. Trotz Temperaturen um den Gefrierpunkt nutzen Jogger und Spaziergänger die letzten warmen Sonnenstrahlen des Tages aus. 

Doch während die Leute draußen entspannen, herrscht in einem Gewächshaus der Gärtnerei Stockert Unruhe und Aufregung. Denn die Gemüsebauern des Handschuhsheimer Felds sehen sich in ihrer Existenz bedroht. 14 lokale Erzeuger, Kleingärtner, Anwohner und weitere Interessenvertreter sind gekommen, um im Gespräch mit HEIDELBERG24 ihre Sorge über den vorgeschlagenen Park&Ride-Parkplatz samt Busshuttle zum Ausdruck zu bringen. 

Pendeln künftig tatsächlich Shuttlebusse zwischen den Farrwiesenäckern und dem Neuenheimer Feld? Vorbei an Äckern, auf denen Gärtner hochwertiges regionales Gemüse anbauen, über Wege auf denen Familien mit Kindern Rad oder Rollschuh fahren, Hundebesitzer ihre Tiere Gassi führen oder Heidelberger spazieren gehen? Werden für den Parkplatz Wirtschaftswege ausgebaut und Felder verkleinert?  

Wenn der P&R-Platz kommt, wars das fürs Handschuhsheimer Feld“, warnt Claudia Weigold vom Kreisbauernverband Rhein-Neckar-Kreis. Fange man einmal mit einer Flächenversieglung an, werden weitere Felder weichen und Versiegelungen folgen. Da sind sich die Anwesenden sicher. 

Die Sorge vor dem Nordzubringer und einem „Verlust“ des Felds ist in dem zweistündigen Gespräch spürbar. Kein Wunder: Hier geht es nicht nur um eine schöne Landschaft, sondern um die Existenz von rund 50 Erzeugern.

Halten Wasserleitungen den Bussen stand?

Für die Shuttle-Busse, die von den Färrwiesenäckern ins Neuenheimer Feld fahren sollen, müssten Straßen ausgebaut und erweitert werden. Denn die vorhandenen Wirtschaftswege sind schon allein von ihrer Breite her (2,50 bis 2,80 Meter) nicht für regelmäßigen Busverkehr ausgelegt. 

Die Wege müssten wohl verbreitert und ertüchtigt werden. Dadurch werden nicht nur die wirtschaftlich genutzten Felder verkleinert, sondern auch die Wasserleitungen auf eine harte Probe gestellt, erklären Konrad und Hermann Heck vom Nutzwasserverband Heidelberg-Handschuhsheim.

Für den Begegnungsverkehr mit landwirtschaftlichen Fahrzeugen müssten Wege verbreitert werden.

Unter den Wirtschaftswegen verlaufen Wasserleitungen mit einem Durchmesser von 350 Millimeter, so Hermann Heck. Die Leitungen versorgen die angrenzenden Äcker und Felder mit Wasser. „Der Unterbau ist nicht für solche Lasten wie Busse ausgelegt“, versichert Heck. Das habe man der Stadtverwaltung auch so mitgeteilt. 

Im schlimmsten Fall könnten Straßen einsacken und Äcker blieben Stunden oder Tage ohne Wasser. Gerade im Hinblick auf die zunehmend heißen und trockenen Sommer könne dies verheerende Folgen für den Gemüseanbau haben, erklären die Anwesenden.

Wasserleitungen und andere Versorgungsmedien werden selbstverständlich berücksichtigt“, erklärt eine Stadtsprecherin auf Anfrage. „Dies erfolgt grundsätzlich auf Grundlage von Leitungsplänen, die auch für dieses Gebiet vorliegen. Wo notwendig, werden die Leitungen und Schächte gesichert.

Fotos: Stadt plant P&R-Platz und Bus-Shuttle durch das Handschuhsheimer Feld 

Unumkehrbares „Provisorium“?

Für den Parkplatz sollen die Färrwiesenäcker geschottert und damit versiegelt werden. Aus Sicht der Gärtnervereinigung wäre die Fläche mit wertvollem Ackerboden damit verloren. Ein Rückbau? Der sei zwar theoretisch möglich, aber kosten- und zeitintensiv. 

Einerseits wäre der Mutterboden durch den Parkplatz stark verdichtet und wohl auch durch Öle und Kraftstoffe belastet. Den könnte man zwar abtragen und mit neuem Mutterboden auffüllen, „dennoch würde es Jahrzehnte dauern, bis man dort wieder vernünftig Gemüsekulturen anbauen kann“, erklärt Heike Sauer von der „Handschuhsheimer Feldkultur“.

Zufahrt zu den Farrwiesenäckern.

Jeder Quadratmeter hier im Feld wird auch gebraucht“, ergänzt Hans Hornig, Erster Vorsitzender der Gärtnervereinigung Handschuhsheim. Auch die Straßen müssten verbreitert werden, damit Busse parallel aneinander vorbei fahren könnten. Das würde zusätzlichen Flächenverlust bedeuten, kritisieren die Landwirte und Gärtner.

Parkplätze und Bus-Shuttle ineffizient?

Bei dem angedachten P&R-Platz auf den Farrwiesenäckern stimme die Kosten-Nutzen-Relation nicht, finden die Anwesenden. Insbesondere dann nicht, wenn es sich wirklich, wie die Stadtverwaltung betont, lediglich um ein „Provisorium“ handeln soll. 2,6 Millionen Euro sollen der beleuchtete und geschotterte Platz samt Bus-Shuttle kosten.

Wir haben größte Befürchtungen, dass es aber kein Provisorium ist, sondern Bestand hat“, erklärt Hornig. „Der Effekt ist viel zu gering, die Straßen sind hinterher ausgebaut, d.h. man macht dann diesen Nordzubringer auf für den PKW-Verkehr.

Der Parkplatz soll 400 Stellplätze haben. Dieter Teufel vom Umwelt- und Prognoseinstitut (UPI) hat errechnet, dass diese Maßnahme nur einen marginalen Effekt auf die Verkehrssituation hat: Ein Bus-Shuttle von den Farrwiesenäckern würde den von Norden kommenden Verkehr im Neuenheimer Feld nur um rund zwei Prozent reduzieren - in den Augen der Anwesenden viel zu wenig, um die Zerstörung der Felder zu rechtfertigen.

Die Stadtverwaltung sieht das anders: Die täglichen Staus im Neuenheimer Feld würden „immer schlimmer“. Deshalb seien auch kurzfristige Verbesserungen „dringend notwendig“. Inzwischen gingen täglich Beschwerdebriefe bei der Stadt ein. 

Mit dem Park&Ride-Parkplatz kann die Dossenheimer Landstraße um 400 PKW pro Spitzenstunde (je morgens und abends) entlastet werden, was eine enorme Verbesserung bringen würde. In der morgendlichen Spitzenstunde sind hier rund 1.600 Autos unterwegs (1.030 stadteinwärts/530 stadtauswärts). Legt man diese Werte zugrunde, würden die 400 Autos eine Reduktion um 39 Prozent bedeuten“, rechnet die Stadtsprecherin vor. Da die Autos aber nicht alle gleichzeitig im Feld ankämen, würde die reale Entlastung in Prozent etwas niedriger liegen. Dennoch könne man durch die Maßnahme „eine deutliche Verbesserung zu den Spitzenstunden erwarten.

Beleuchtung und Schleichverkehr

Kritik entzündet sich auch an der „Dauerbeleuchtung“ des P&R-Platzes: Dieser befinde sich in einer Zone, in der noch sehr viele Wildtiere sind. Diese wären durch die Beleuchtung absolut in ihrer Ruhe gestört, findet Elke Koppert von der Bioland-Gärtnerei Wiesenäcker

Sollte der Parkplatz kommen, würde auch der Schleichverkehr durchs Feld weiter zunehmen, prognostizieren die Anwesenden. Trotz der Schranke und den Pollern, die die Stadt 2016 installiert hat, nimmt der Schleichverkehr seit Sommer schon zu, sagen Anwohner.

Noch verhindert eine Schranke die Zufahrt zum Allmendpfad von Westen her.

Für den P&R-Platz wird wahrscheinlich auch die Einfahrt von der L531 verbreitert“, mutmaßt Franz Schlechter, der direkt an den Farrwiesenäckern wohnt. Dabei könne man nicht verhindern, dass Fahrzeuge nicht auf den Parkplatz abbiegen, sondern ins Neuenheimer Feld weiterfahren. „Damit ist die Schleuse geöffnet, und das Handschuhsheimer Feld wird von Pkw durchflutet. Das wäre absolut kontraproduktiv für den Gemüseanbau und die Natur hier“, findet Schlechter.

Gibt es überhaupt eine Lösung?

Aber wo liegt die Lösung für die Verkehrsprobleme im Neuenheimer Feld? „Sicher nicht im Handschuhsheimer Feld!“, gibt sich Hornig kämpferisch. In der vergangenen Woche hatte Hornig einen Brief an die Stadträte geschickt, in dem er für den Erhalt des Status quo plädiert.

Für die Anwesenden ist klar: Ein „Nordzubringer“, wie er seit Jahrzehnten von der Uni gefordert und von Anrainern bekämpft wird, oder der „Radieschentunnel“ kommen nicht in Frage. Denn: All diese Lösungen würden das Auto in den Vordergrund stellen – und das sei nicht der zukunftsträchtige Weg.

Es könne doch nicht sein, dass die Stadt sich den Klima- und Umweltschutz auf ihre Fahnen schreibe, und dann eine „anachronistische“ Lösung wie die Stärkung des Individualverkehrs propagiere, ärgert sich Anwohner Schlechter. Im Grunde habe man hier doch das, was aus ökologischer Sicht wünschenswert sei: Im Handschuhsheimer Feld produzierten Erzeuger nach höchsten Standards Obst und Gemüse für den lokalen Markt. Dies werde durch eine Maßnahme wie den P&R-Platz aber bedroht.

Die Anwesenden sehen eine Lösung des nervigen Verkehrsproblems viel mehr in Ausbau und Verbesserung des ÖPNV. Günstigere Jobtickets, bessere Radwege oder Car-Sharing-Modelle wären aus Sicht der Interessenvertreter der sinnvollere Weg, das Problem zu beheben. Aber auch die Entzerrung der Patienten-Termine in der Uni-Klinik könne bereits helfen.

Der ökologische Verkehrsclub Deutschland (VCD) sieht den Druck, den die Unispitze auf die Stadt ausübt, mit Erstaunen: „Tatsache ist, dass der größte Verkehrsblockierer im Neuenheimer Feld die Universität selbst ist“, sagt Dr. Felix Berschin vom VCD. Kritisiert werden beispielsweise die mangelhafte Ampelschaltung an der Kopfklinik, oder die Engpässe an der Chirurgie sowie der Parallelstraße zur Berliner Straße (Höhe DKFZ-Parkplatz).

Gibt der Gemeinderat für die provisorischen Maßnahmen grünes Licht, dann werden die Landwirte nicht tatenlos zusehen. Dessen sind sich die Anwesenden sicher. Auf die Frage, ob sie auf die Barrikaden gehen werden, kommt von allen Seiten ein deutliches „Ja!“.

jol/rmx

Quelle: Heidelberg24

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