Ärger im ‚Heidelberg Village‘

Wohnen in der Bahnstadt: „Das war die schlimmste Entscheidung meines Lebens“

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Einige Mieter im ‚Heidelberg Village‘ ärgern sich über den Vermieter.

Heidelberg-Bahnstadt - „Machen Sie mit uns Ihre Lebens(t)räume wahr“, so wirbt ,pro scholare‘ für das Heidelberg Village. Doch für viele Mieter ist Wohnen im Village eher ein Alptraum:

Eigentlich hätten die Wohnungen im ‚Heidelberg Village‘ Ende 2017 fertig sein, erste Mieter im April 2018 einziehen sollen. Eigentlich …

Dann beginnt für viele Mieter in den beiden Gebäuden zwischen Langer Anger und Grüner Meile ein Alptraum aus Ersatzunterkunft-Suche, Umzügen, Stress mit dem Vermieter. 

Absage kurz vor Einzug

Teilweise nur zwei (!) Tage vor dem festgelegten Einzugstermin teilt die Vermietungsgesellschaft ‚pro scholare‘ den Mietern mit, dass die Wohnungen noch nicht bezugsfertig sind.

Ersatzquartiere können sich die betroffenen Mieter – darunter viele Familien mit kleinen Kindern – selbst suchen, lapidarer Tipp von ‚pro scholare‘: „Schauen Sie doch mal bei ‚Airbnb‘.“ Viele kommen in Ferienwohnungen, Hotels oder Boardinghouses unter. Auch um die Unterbringung ihres Mobiliars müssen sich die Betroffenen selbst kümmern.

Familien bleiben auf Kosten sitzen

Wolfgang Frey (Investor, Projektentwickler, Architekt und Vermieter von pro scholare) entschuldigte sich als Projektverantwortlicher bei den Mietern für die Umstände und trägt sämtliche Kosten, die durch den verzögerten Einzugstermin entstehen“, heißt es in einer Mitteilung der Firma Ende April noch.

Das Versprechen scheint die Vermieterin allerdings nur lückenhaft einzuhalten: „Es gibt noch Außenstände in erheblichem Maße“, sagt Philipp Bellmann, Fachanwalt für Miet- und Wohneigentumsrecht, der über ein Dutzend Mieter des Heidelberg Village vertritt. „Diese Behandlung der Mieter durch einen Vermieter habe ich so noch nicht erlebt“, sagt Bellmann entgeistert. „Eine Informationspolitik seitens pro scholare findet fast nicht statt.

Die Vorwürfe gegen ‚pro scholare‘ wiegen schwer: Zwar seien die Unterkunftskosten inzwischen „größtenteils“ beglichen worden, auf vielen zusätzlichen Kosten bleiben die Mieter allerdings sitzen. Bellmann zufolge haben Mieter beispielsweise Anspruch auf eine Verpflegungspauschale – bei einer vierköpfigen Familie immerhin 45 Euro pro Tag. Hinzukommen Aufwendungen für Möbellagerung, Umzüge, Makler, Wäscherei. Diese zusätzlichen Kosten habe pro scholare bislang nur teilweise beglichen. Anwalt Bellmann: „Bei manchen Mietern stehen noch fünfstellige Beträge aus!

Leben auf der Baustelle

Als die Mieter Ende Juni/Anfang Juli die Schlüssel für ihre Wohnungen bekommen, ziehen sie auf eine Baustelle: Die Wohnungen sind zwar bezugsfertig, die Gebäude aber bei weitem nicht!

Da die Balkone teilweise noch nicht angebracht oder nicht vorschriftsmäßig gesichert sind, können Fenster und Türen nur einen Spalt breit geöffnet werden. ‚Absturzsicherungen‘ aus Pressspan verhindern in vielen der über 160 Wohneinheiten noch immer das Öffnen von Türen und Fenstern.

Eine Pressspan-Platte verhindert das Öffnen der Tür zum Balkon.

Die Lüftung in den Wohnungen funktioniert nicht. Auch die Jalousien sind bei Einzug nicht installiert. In den Wohnungen herrschen im Hochsommer laut Bellmann teilweise bis zu 40 Grad, Lüften unmöglich. „Im Sommer hatten wir 32 Grad und das um 3 Uhr nachts!“, erinnert sich Andrea (27), die mit ihrem Mann und dem dreijährigen Sohn in einem Vier-Zimmer-Appartement im Heidelberg Village wohnt. Auch die 27-jährige Studentin ärgert sich über die mangelhafte Informationspolitik der Vermieter: „Anfangs wussten wir nicht, ob die Hotelkosten erstattet werden. Das war psychisch sehr belastend.

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Seit wenigen Wochen wird an den Balkonen gearbeitet, Arbeiter bringen eine stark riechende, chemische Substanz auf. „Die Mieter wurden über die Balkonarbeiten nicht informiert“, ärgert sich Andrea. „Die Fenster und Türen waren gekippt. Abends kommt man nach Hause, hat diesen stark ätzenden Geruch in der Wohnung und kann nicht lüften. Da hätte man uns doch mal vorwarnen können …“ 

Kinder anderer Mieter klagen im Anschluss über Atembeschwerden und Kopfschmerzen, manche müssen sich sogar übergeben. Als wir am Mittwoch (24. Oktober) in der Wohnung stehen, nimmt man den leicht beißenden Geruch immer noch wahr.

Heidelberg Village: Wohnen auf der Baustelle

Jeden Tag wird am Gebäude weiter gearbeitet. Die fehlenden Lüftungen werden an den Balkonen angebracht, Geländer-Gitter für die Balkonbegrünung, im Hof hinter der Kita ‚Purzelzwerge‘ wird ein Tartanboden aufgebracht. Als wir um die Gebäude herumlaufen, können wir uns kaum vorstellen, dass Menschen darin schon seit mehreren Monaten wohnen. 

Am Heidelberg Village wird weiter kräftig gebaut.

Schimmel in der Wohnung

Für Andrea und ihre Familie geht der Alptraum indes weiter. „Unter den Leisten an den Wänden und am Boden wurde Schimmel entdeckt“, sagt die 27-Jährige und zeigt auf eine Wand im Schlafzimmer. Die Folge: Seit Freitag (19. Oktober) wohnt sie mit Mann und Sohn wieder im Hotel, damit ihre Wohnung saniert werden kann – etwas mehr als drei Monate nach dem Einzug! Einen Vorwurf macht Andrea dem Vermieter dafür nicht: „Für Baumängel kann ‚pro scholare‘ ja eigentlich nichts.

Schimmel an der Wand.

Wegen der bestehenden Mängel mindern viele Village-Bewohner die Miete. Laut einem anderen Anwalt wären in diesen Fällen bis zu 60 Prozent Mietminderung drin, ‚pro scholare‘ bietet oft aber nur 25 Prozent an. Einer Familie habe ,pro scholare' vor kurzem fristlos gekündigt, berichtet Mietanwalt Bellmann, weil diese über mehrere Monate die Miete gemindert habe.      

Wir fragen ,pro scholare‘, die mit dem Village für eine „nachhaltige und soziale Architektur“ wirbt, was sie zu den Vorwürfen sagt. Allerdings warten wir seit mehreren Tagen vergebens auf eine Stellungnahme. Auch von der Stadt, für die die Bahnstadt immerhin ein Prestigeprojekt ist, erhalten wir kein Statement zu den Vorfällen. Ein Sprecher verweist uns lediglich auf ,pro scholare‘. 

Rechtsanwalt Bellmann hat inzwischen genug vom Warten auf um mehrere Wochen verzögerte Antworten von ‚pro scholare‘: Wegen ausstehender Beträge werde man noch in diesem Monat erste Klagen am Amtsgericht einreichen, so der Jurist. 

„Schlimmste Entscheidung meines Lebens“

Vor ihrem Umzug aus Weinheim habe sie sich sehr auf die Bahnstadt gefreut, gibt Andrea zu, inzwischen sei sie eher ernüchtert. Auch wenn die Vermieter über Ungleichbehandlung oder unterschiedliche Zahlungsmoral immer wieder „versuchten, einen Keil zwischen die Mieter zu treiben“, wie es Fachanwalt Bellmann ausdrückt, ist die „Mieterschaft extrem zusammengewachsen“, sagt Andrea. Man hilft einander, wo man kann. 

Eigentlich würde sie auch gern im Heidelberg Village wohnen bleiben. Aber die vergangenen Monate haben trotz vieler positiver Erfahrungen auch Spuren hinterlassen: „Hätte ich gewusst, wie viel Stress mich hier erwartet, wäre ich nicht hier her gezogen. Das war wohl die schlimmste Entscheidung meines Lebens.

rmx/jol

Quelle: Heidelberg24

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