Kindererziehung heute

Was ist richtig? Erziehungsmythen unter der Lupe

+

Jeder kennt Sie: Erziehungsmythen. Wenn man schielt, bleibt das so. Wenn du nicht aufisst, gibt es schlechtes Wetter. Häufig haben solche Mythen das Ziel, Kindern ein bestimmtes Verhalten beizubringen.

In anderen Situationen dienen sie tatsächlich dazu, die Kinder vor Schaden zu bewahren. Aber was ist dran an solchen Mythen? Welche von ihnen treffen tatsächlich zu und welche machen Kindern das Leben unnötig schwer? Im Folgenden werden sechs bekannte Erziehungsmythen etwas genauer unter die Lupe genommen.

Eltern müssen für ihre Kinder entscheiden

An diesem Mythos ist ein Funken Wahrheit. Denn natürlich ist es so, dass Kinder noch nicht voll entscheidungsfähig sind. Deswegen ist es wichtig, dass die Eltern Entscheidungen treffen, die sich positiv auf ihre Entwicklungen und ihr späteres Leben auswirken. Eltern haben hier eine große Verantwortung und müssen bei allen Entscheidungen, die Sie treffen, immer das Wohl des Kindes im Blick haben.

Das bedeutet jedoch nicht, dass Kinder noch nicht selbst etwas entscheiden können. Je älter die Kinder werden, desto selbstständiger sollten sie auch werden. Immerhin werden sie nicht über Nacht erwachsen und selbstständig, bloß weil sie auf einmal 18 sind. Der Grundstein hierfür wird schon in den Jahren zuvor gelegt. Deswegen kommt es darauf an, den Kindern nach und nach immer mehr Verantwortungen zuzugestehen und sie eigenverantwortlich Entscheidungen treffen zu lassen.

Das betrifft natürlich auch die finanziellen Zuwendungen. Ohne Frage sind die Eltern dafür verantwortlich, den Kindern alles zu kaufen was diese brauchen. Hierzu gehören zum Beispiel Kleidung, Essen und Trinken, aber auch Spielzeug. Für alles, was darüber hinausgeht, gibt es Taschengeld. Kinder sollten das Recht bekommen, eigenständige Entscheidungen zu treffen, was sie sich kaufen wollen und was nicht.

Natürlich dürfen Sie hierbei nicht alleingelassen werden. Es ist wichtig, sie zu unterstützen und ihnen zu zeigen, wie verantwortungsvoller Umgang mit Geld aussieht. Das funktioniert aber nur, wenn Kinder Taschengeld bekommen und darüber verfügen können. Ansonsten haben sie keine Chance, zu lernen, wie man mit dem eigenen Geld haushaltet und es nur für Dinge ausgibt, die tatsächlich sinnvoll sind und das persönliche Lebensglück steigern.

Babys muss man schreien lassen

Dieser Mythos war leider viel zu lange weit verbreitet. Er geht davon aus, dass sich Kinder an das Alleinsein gewöhnen müssen. Wenn Ein Kind schreit, sollten die Eltern diesem Mythos zufolge daher nicht zu ihrem Kind gehen, um es zu trösten, sondern warten, bis es sich alleine beruhigt. Das gelte vor allem nachts, wenn die Bedürfnisse der Kinder befriedigt seien und die Eltern selbst ebenfalls schlafen wollten. Falscher kann man ein Kind kaum erziehen.

Denn gerade im Kleinkindalter entwickelt sich unser Urvertrauen. Wir lernen unbewusst, dass wir uns auf unsere Umwelt und speziell unsere Eltern verlassen können. Wenn es uns schlecht geht, dann kommen sie. Dieses Urvertrauen ist unglaublich kostbar und es kann auch nicht im späteren Alter gelernt werden. Es ist wichtig, Babys dieses Urvertrauen zu vermitteln. Sie müssen wissen, dass sie sich auf ihre Eltern verlassen können, egal was auch kommt.

Nicht zu ihnen zu gehen, wenn sie schreien, ist daher äußerst schädlich für ihre Entwicklung. Sie haben dann Sorge, dass sie allein gelassen werden, und haben später häufig Schwierigkeiten, anderen zu vertrauen. Oder aber sie denken, dass ihre Gefühle nichts wert sind und sie diese deswegen nicht zum Ausdruck bringen dürfen. Beides ist für ein glückliches Leben äußerst schädlich. Deswegen sollte dieser Erziehungsmythos schnellstmöglich für immer vergessen werden. Kinder brauchen die Nähe ihrer Eltern.

Wer krumm sitzt, bekommt einen Buckel

An diesem Mythos ist eine Menge dran. Unser Sitz- und Liegeverhalten wird schon im Kindesalter geprägt. Wer als Kind immer nur herum lümmelt und einen Buckel macht, tut dies im Erwachsenenalter vermutlich auch. Der Zusammenhang zwischen schief sitzen und Buckel ist daher zwar nur indirekt, aber er ist durchaus gegeben.

Deswegen ist es wichtig, auf eine gesunde Haltung der Kinder zu achten. Das bedeutet zum Beispiel, dass sie am Tisch gerade sitzen und auch beim Spielen, Ausruhen oder Fernsehen keinen Buckel machen. Ebenfalls entscheidend ist es, dass der Kopf des Kindes beim Schlafen nicht zu hoch gelagert ist. Ansonsten können sich Fehlbildungen am Nacken entwickeln, die ebenfalls zu einem Buckel führen.

Wenn Sie Ihr Kind frühzeitig an eine gesunde Haltung gewöhnen, wird diese ganz natürlich für es werden. Es sitzt dann im Kindergarten, in der Schule und später an der Uni oder in der Berufsschule ebenfalls gerade. Es gewöhnt sich an eine gesunde Körperhaltung und empfindet diese als etwas ganz Normales. Das ist für die körperliche Gesundheit extrem wichtig.

Lesen im Dunkeln schadet den Augen

Die meisten lesebegeisterten Kinder können gar nicht von ihren Lieblingsbüchern lassen. Sie wollen unbedingt wissen, wie eine Geschichte weitergeht, und sich gar nicht von ihren liebsten Charakteren trennen. Das geht soweit, dass sie mit einer Taschenlampe unter der Bettdecke lesen und versuchen, das vor ihren Eltern geheim zu halten. Diese reagieren meist negativ, da sie sich um die Augengesundheit ihre Kinder Sorgen machen. Glücklicherweise ist das nicht zwingend nötig.

Der Erziehungsmythos, dass Lesen im Dunkeln den Augen schadet, entspricht nämlich nicht der Wahrheit. Es kann durchaus sein, dass die Augen beim Lesen im Dunkeln etwas brennen oder anfangen zu tränen. Das ist dann aber ein Anzeichen für eine starke Belastung und dafür, dass es wirklich an der Zeit ist, ein wenig Schlaf zu finden. Ein bleibender Schaden für die Augen entsteht hierdurch aber nicht. Es ist daher vollkommen legitim, in einem abgedunkelten Raum eine Gute-Nacht-Geschichte zu lesen und auch einmal zu akzeptieren, wenn ein Kind unter der Bettdecke liest.

Es muss alles aufgegessen werden

Dieser Erziehungsmythos hat schon viele Kinder belastet und ihre körperliche Entwicklung negativ beeinträchtigt. Denn Kinder wissen meist sehr genau, wie viel Essen sie brauchen und ob sie schon satt sind oder nicht. Wenn sie nicht mehr essen wollen, obwohl noch etwas auf den Teller ist, sollte man sie deswegen nicht dazu zwingen. Es ist wichtig, dass Kinder etwas essen und nicht aus Lust am Spielen das Essen vernachlässigen. Wenn sie sich jedoch Mühe geben und ein paar Bissen essen, dann zeigt das ihren guten Willen und dass sie eventuell nicht mehr Nahrung benötigen.

Die große Herausforderung für Eltern besteht darin, zu unterscheiden, ob ein Kind wirklich satt ist oder ob es von etwas anderem abgelenkt ist. Im ersten Fall ist es vollkommen in Ordnung, mit dem Essen aufzuhören, auch wenn noch etwas auf dem Teller liegt. Im zweiten Fall sollte die Ablenkung möglichst eliminiert werden, damit sich das Kind auf das Essen konzentrieren kann. Ein Zwang zu essen ist aber definitiv schlecht und sollte daher in keinem Erziehungsrepertoire mehr vorkommen. Wer möchte, dass sein Kind mehr isst, sollte Abwechslung auf den Tisch bringen. Schließlich lassen sich Kinder nur schwer von der Idee begeistern, jeden Abend Brot zu essen.

Verwöhnen schadet dem Kind

An diesem Erziehungsmythos ist ein wenig Wahrheit dran. Kinder brauchen klare Regeln, an die sie sich halten müssen. Wer diese Regeln immer wieder außer Kraft setzt, um den Kindern etwas zu gönnen, schadet deren Entwicklung. Zudem müssen Kinder lernen, dass man nicht immer alles sofort haben kann, was man möchte. Deswegen ist es schädlich, dem Kind immer alles sofort zu geben und zu kaufen, was dieses haben wollen.

Auf der anderen Seite ist es natürlich schön, zu besonderen Anlässen etwas Schönes geschenkt zu bekommen. Das kann ein Spielzeug, eine Haarklammer oder das Lieblingsessen sein. Es ist vollkommen in Ordnung, Kindern zu zeigen, dass sie etwas Besonderes sind und dass man sich freut, dass es sie gibt. Solche Momente des Verwöhnens sollten aber vor allem eines sein: etwas Besonderes. Wenn Kinder zu besonderen Anlässen verwöhnt werden, wissen sie das zu schätzen und freuen sich über diesen besonderen Moment. Im Bestfall merken sie ihn sich ein Leben lang. Verwöhnen ist daher nicht grundsätzlich verboten, sollte aber sehr bewusst und gezielt in der Erziehung eingesetzt werden.

Kommentare