Fußball & Nachbesserungsbedarf

Bundesliga im Wandel: Fluch oder Segen?

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Die Bundesliga hat in den vergangenen Jahren vieles abgeändert, was zuvor teils jahrzehntelang von vielen Stellen aus kritisiert wurde. Doch es gibt auch noch Nachholbedarf.

Wenn man als Fußballfan in sich hineinhorcht, wird man zugeben, dass eine Welt, in der es wirklich gar nichts mehr zu kritisieren gäbe, um einiges ärmer wäre. Hand aufs Herz, wenn man sich nicht über DFB- und DFL-Eigenheiten sowie so manche Details des Fußballs aufregen und diskutieren könnte, wo bliebe da der Spaß? Dennoch gibt es genug echte Kritikpunkte, die Änderungsbedarf aufweisen. Was das alles ist, zeigt unser Übersichts-Artikel.

Gut gemacht!

1. Das Ende der Montagsspiele 

Kaum erst eingeführt, schon wieder einen Platzverweis bekommen! Nein, damit ist kein Spieler gemeint, die Rede ist von den Montagsspielen in der Bundesliga. Erst in der laufenden Saison 2017/18 wurden sie eingeführt – erstmalig beim Spiel Frankfurt gegen Leipzig. Die offizielle Begründung des DFL, „Entlastung der Europa-League-Starter, Schutz des Amateurfußballs sowie mitreisender Fans“. Den wenigsten Fußballanhängern schmeckte diese Aussage. Und so kam es, dass die Montagsspiele sowie die Verantwortlichen sich dem ausgesetzt sahen, was man im Internetdeutschen als veritablen Shitstorm bezeichnen würde. Die Kritik ähnelte einem Vuvuzela-Konzert, man konnte noch so feste die Hände auf die Ohren drücken, sie war nicht auszublenden. 

Am 21.11.18 dann die große und von vielen bejubelte Nachricht: Mit Beginn der Saison 2021/22 werden die Montagsspiele wieder gestrichen. „Stattdessen sind mit Blick auf die Starter in der Europa League pro Saison fünf weitere und damit insgesamt zehn Entlastungsspiele am Sonntag geplant“ so der DFL. Der Grund dafür, dass erst noch weitere Jahre ins Land ziehen müssen, sind die bereits abgeschlossenen und über mehrere Saisons gültigen TV-Verträge.

2. Der Videobeweis 

Es gibt im Fußball Themen, da scheint die Majorität eine absolut konträre Meinung zum Wunsch/Willen der großen Organisatoren zu haben – nur um dann später festzustellen, dass ja doch alles nicht so schlimm kam, wie man es befürchtet hatte. Der Videobeweis in der Bundesliga, der mit Beginn der diesjährigen Saison nun regulär verwendet wird, ist dafür geradezu ein Paradebeispiel. Schon während der Diskussionsphase waren die Fan-Ansichten ziemlich einhellig: „Das reißt komplett die Spannung aus dem Spiel“ sagten die einen, die anderen befanden „es ist ein menschliches Spiel, dazu gehören auch menschliche Fehler“. Doch mit der Testphase bekam die Kritik-Mauer schon Risse, um mittlerweile ziemlich zu bröckeln. Denn die Fans stellten schnell fest, dass dadurch, dass das System auf klaren Regeln basiert, tatsächlich schwerwiegende/ärgerliche Fehlentscheidungen korrigiert werden können – und dass es andererseits nach wie vor Fehler gibt, die auf diese Weise nicht geradegebogen werden können. Tatsächlich erfasst das Beweissystem nur vier Arten von strittigen Situationen:

  • Wurde ein Tor regulär erzielt? 
  • Ist ein Strafstoß-Urteil gerechtfertigt? 
  • Ist ein Foul Rot-trächtig? 
  • Wurde der richtige Spieler bestraft? 

Alle anderen Arten von Fragen werden nicht erfasst, weshalb auch so noch genug Raum für Diskussionsstoff bleibt und der Videobeweis nur die „unfairen Kanten“ des Spiels rundfeilt. Maradonas „Hand Gottes“ würde es damit beispielsweise nicht mehr geben.

Nachbesserungsbedarf 

1. Die Transferbremse 

Es ist einerseits eine Tatsache, dass auch manche Teams in den oberen Gefilden der Bundesliga ein Budget haben, über das selbst englische Keller-Kandidaten nur müde lächeln können, weil es so niedrig ist. Allerdings ist es auch eine Tatsache, dass schon jetzt in so manchen Ländern die Erstligisten den finanziellen Anschluss verlieren. Was darunter leidet, ist klar, der Fußball an und für sich. Nämlich dann, wenn nur noch wenige Ligen bzw. einzelne Clubs die Gehälter für Topspieler zahlen könnten. Jedes Land hat seine „Pappenheimer“, die gerne talentierte Spieler „wegkaufen“, nur damit sie nicht beim Gegner spielen. Und das Financial-Fairplay-System (nach dem Vereine für relevante Dinge nicht mehr ausgeben dürfen, als sie einnehmen) greift nach Ansicht vieler nicht weit genug. Die FIFA geht definitiv den richtigen Weg, wenn sie die Zahl der Verleihspieler begrenzen möchte. Vielleicht wäre es aber auch an der Zeit, die Zahl der maximal einkaufbaren Spieler pro Saison zu deckeln, um das „Leerkaufen“ zu unterbinden. 

2. Die Freistoß-Mauer 

In der Mauer, die für Freistöße aufgestellt wird, finden sich bis Spieler beider Mannschaften. Und jeder weiß, wie lange es braucht, bis dort Ruhe einkehrt und wie viel dort drin gezupft, gezogen, gerempelt wird. Alles unnötig, alles unfair. Tatsächlich ist dieser Vorschlag keine journalistische „Kopfgeburt“, sondern wird ernsthaft diskutiert: Keine Spieler der Strafstoß-ausführenden Mannschaft mehr in der Mauer, nur noch die des Gegners. Beschleunigen würde das das Spiel allemal.

3. Das Ultra-Problem 

Ultras, wie sie zu praktisch jedem Verein gehören, sind ein zweischneidiges Schwert. Klar ist, dass sie wertvolle Fan-Basisarbeit leisten und mit ihren Choreographien oft genug die Lokomotive sind, welche die Stimmung im Stadion den Berg hinaufzieht. Aber es ist ebenso eine Tatsache, dass aus den Reihen dieser Fan-Organisationen immer wieder Probleme entstehen. Seien es Bengalos, seien es Rivalitäten mit anderen Ultras, die während des Spiels verbal und tätlich ausgetragen werden. Wie es Funktionär Bruchhagen formulierte „Wenn sie den Fußball so lieben würden, würden sie auf diese scheiß Pyrotechnik verzichten“. 

Hierbei lohnt sich übrigens ein Blick nach Dänemark. Denn dort schein vielleicht die Lösung des Problems gefunden zu sein. „Kalte Pyro“ nennt sich das Ganze und bietet dem vereinsverbundenen Fan weiterhin die Möglichkeit seine Zugehörigkeit auszudrücken – ohne jedoch für andere Gefahr auszustrahlen.

Die Pyrotechnik steht quasi jede Woche im Mittelpunkt. Würden Sie ihr Kind mit ins Stadion nehmen? 

Und immer wieder zeigt sich auch die erstaunlich große Macht, welche Ultra-Vereinigungen über Vereine und Verbände haben. Nun ist es sicherlich gut, dass ein Korrektiv die doch manchmal wenig sportlichen, dafür schwer kapitalistischen Vereins- und Verbandsambitionen einbremst. Aber dass selbst ein DFB vor den Ultras einknickt und die Kollektivstrafen abschaffen will – und die Ultra-Verbände dann noch die Chuzpe haben, die Gespräche trotzig abzubrechen, zeigt, dass Ultras in vielfacher Hinsicht zu unterschätzt sind und anders behandelt werden müssen. Ein Blick in den Ruhrpott auf die aktuelle Gemütslage der BVB Ultras gegenüber Mäzen Dietmar Hopp genügt. Das geht zu weit! Aber eines ist auch klar, ohne Ultras ist jegliche Stimmung in den Stadien passe‘. Man stelle sich nur mal den Signal-Iduna-Park ohne die Südtribüne vor oder Heimspiele von Gladbach ohne die Nordkurve.

4. Die Relegationsspiele 

Würde man die Nachbesserungspunkte nach Kritiklautstärke einsortieren, müsste dieser Punkt ganz oben stehen. Es geht um die Relegationsspiele. Die Wackelkandidaten der ersten und zweiten Bundesliga, die gegeneinander antreten, um über Auf- und Abstieg zu entscheiden. Sicherlich eine Regel mit einem äußerst sportlichen Hintergedanken – der jedoch in der Praxis immer wieder zeigt, dass er nur auf dem Papier funktioniert. Seit der (Wieder-)Einführung 2009 gab es zehn Relegationsrunden – achtmal gewann der Erstligaverein und konnte sich den Klassenerhalt sichern, nur zweimal gelang einem Zweitligisten der Aufstieg. Und immer wieder zeigt sich, dass dabei nicht das Spielerische im Vordergrund steht, sondern die Regularien. Oft genug gewinnt nicht der, der besser spielt, sondern der, der weniger unter Fehlentscheidungen zu leiden hat. Und immer wieder kommt es auf den Rängen durch diese „alles oder nichts“-Eigenschaft der Relegation zu völlig überflüssigen Problemen. 

5. Karten für Trainer 

Es mag lustig wirken, mag sich hinterher zu ulkigen YouTube-Videos verarbeiten lassen. Aber in der spielerischen Realität sieht es so aus, dass Vereinsfunktionäre beginnend mit dem Trainer, durch ihr Verhalten am Platzrand enorm verzögernd, unsportlich, störend wirken können. Schreiereien, Tobsuchtsanfälle, überflüssige Diskussionen mit dem Schiri und seinen Assistenten unter Missachtung sämtlicher Punkte des Trainer-Ehrenkodexes. Bisher gibt es da nur die Option, einen solchen Wüterich auf die Tribüne zu schicken – da er dort aber als normaler Zuschauer gilt, gibt es keine weitere schiedsrichterlichen Handhabe, falls er auch dort noch weiterrüpelt. 

Auch die Lösung für dieses Problem befindet sich bereits in der Ausarbeitungsphase der FIFA: Die Option, auch Trainer und andere Vereins-Offizielle mit Gelb und Rot ahnden zu können – inklusive Sperren für ganze Spiele.

Fazit 

Die Bundesliga will besser werden. Und einiges dafür hat sie bereits getan und/oder in die Wege geleitet. Aber es bleiben noch eine Menge Baustellen, bis der Fußball das ist, was die meisten Fans sich wünschen: Fair, spannend und nicht nur eine seelenlose Geldmaschine. Die Frage, die zudem weiterhin im Raum steht: Muss die Bundesliga sich denn überhaupt ändern?

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