Unlösbare Probleme

"Wir schaffen es nicht": Eine Flüchtlingshelferin packt aus

Büdingen - Die Flüchtlingshelferin Katja Schneidt hat ein Werk mit dem brisanten Titel "Wir schaffen es nicht" geschrieben. Das Buch sorgt für viel Diskussion. Die Autorin zerstört Integrations-Phantasien.

Circa ein Jahr, nachdem die Kanzlerin mit den Worten „Wir schaffen das“ die wohl folgenschwerste Entscheidung ihrer bisherigen Amtszeit traf und tausende Flüchtlinge nach Deutschland einreisen ließ, ist die Flüchtlingskrise präsenter denn je: Öffentlich-rechtliche Fernsehsender ziehen erste, eher maue Jahresbilanzen, Experten plädieren für die Ursachenbekämpfung vor Ort und die CSU pocht nach wie vor auf eine Obergrenze. Doch trotz aller Widrigkeiten rückt Angela Merkel nicht von ihrem Kurs ab.

Spätestens seit der schicksalshaften Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern, bei der die CDU eine bittere Niederlage kassierte und die AfD an sich vorbeiziehen lassen musste, dürfte allerdings klar sein, dass die deutsche Solidarität mit der Kanzlerin konstant bröckelt. Viele fühlen sich der opportunistischen AfD verbunden, weil sie stark daran zweifeln, dass Deutschland diese Krise tatsächlich bewältigen kann. Und Parolen wie „Wir schaffen es nicht“ stehen bei den Rechtspopulisten ganz oben auf der Tagesordnung.

Auch Flüchtlingshelfer sind besorgt

Einen gewaltigeren Effekt hat eine solche Feststellung, wenn sie nicht von einem bekennenden Flüchtlingsgegner, sondern von einem Flüchtlingshelfer stammt: Obwohl der freiwilligen Helferin Katja Schneidt sicher bewusst war, dass sie damit weitere Ängste in der Bevölkerung schüren könnte, entschloss sie sich zu einem gewagten Schritt. Sie schrieb ein Buch mit dem bezeichnenden Titel „Wir schaffen es nicht“.

Die Autorin betreut nebenberuflich Flüchtlinge in Hessen und versucht, Asylsuchenden den deutschen Alltagswahnsinn zu erleichtern – sie begleitet sie zu Ämtern, hilft bei der Wohnungssuche, geht mit ihnen zum Arzt. In ihrem Buch beschreibt sie, wie gut am Anfang alles funktionierte: Das Engagemet in ihrer Heimatstadt Büdingen ist groß - es gibt eine Erstaufnahmeeinrichtung, zahlreiche Gemeinschaftsunterkünfte und auch viele Einzelpersonen, die bereitwillig ihren Teil beitragen.

Doch die erste Euphorie ist bald verfolgen – darauf folgt Ernüchterung. Auf Seiten der Flüchtlinge überwiegt die Enttäuschung: Die Erwartung von einem geradezu paradiesischen Deutschland, in dem große Häuser, technische Neuheiten und ein hoher Lebensstandard auf sie warten, wird in keinster Weise erfüllt. Stattdessen sehen sie sich immer wieder fremdenfeindlichen Übergriffen ausgesetzt, während sie am Rande der Gesellschaft monatelang in dürftigen Notunterkünften ausharren und auf ihren Asylbescheid warten.

Der Integrationskurs ist keine Lösung

Auf Seiten der deutschen Bürger und Katja Schneidt ist es wiederum die Unzufriedenheit mit der schleppenden Integrationspolitik der Bundesregierung. Es erscheint vielen unmöglich, diese zwei grundverschiedene Kulturen miteinander zu vereinen. Die Bundesregierung nennt zwar immer wieder den Integrationskurs mit 600 Stunden Deutschunterricht und 60 Stunden Orientierung als Hauptlösung für das Problem – doch Schneidt zweifelt dieses Konzept an: „Ich kann nicht erwarten, dass sich die Flüchtlinge nach einem Integrationskurs so verhalten, wie wir uns das wünschen. Das ist Quatsch.“

Die Autorin glaubt, dass die überwiegend muslimischen Flüchtlinge ein vollkommen anderes, dafür umso verwurzelteres Rollenverständnis haben. „Der Islam ist keine Religion wie das Christentum. Er ist ein Lebensmodell.“ Dass Probleme mit Deutschen da progammiert sind, weiß Schneidt aus eigener Erfahrung: Sie war jahrelang mit einem türkischen Mann verheiratet, der irgendwann gewalttätig wurde. Erst nach drei Jahren gelang ihr die Flucht aus einer Ehe, in der sie sich gefangen fühlte.

Neben dem programmierten Clash der Kulturen nennt Schneidt überwiegend organisatorische Gründe, die ihr einen positiven Ausgang der Flüchtlingskrise unmöglich erscheinen lassen - zum Beispiel fehlende Wohnungen, Arbeitsplätze und hauptberufliche Flüchtlingshelfer.

Natürlich weiß Schneidt, dass sie mit den Behauptungen in „Wir schaffen es nicht“ für viel Diskussionsstoff sorgen und auch Missgunst auf sich ziehen wird. Denn natürlich könnte das Buch in einer eh schon von Angst bestimmten Gesellschaft weitere Zweifel säen und eine alles entscheidende Frage aufwerfen: Wie sollen wir das schaffen, wenn selbst jene, die die Flüchtlinge mit offenen Armen willkommen hießen und sich aktiv um ihre Integration bemühten, den Glauben verloren haben? Für die Veröffentlichung ihres Werks nahm Schneidt sogar das Risiko in Kauf, als Rechts abgestempelt zu werden: „Die Augen vor diesen Fakten zu verschließen, hilft in dieser Situation nicht“,rechtfertigt sie ihr brisantes Werk.

Sophie Lobenhofer

Rubriklistenbild: © dpa

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