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Nach den massiven Übergriffen auf Frauen am Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht sollen die Ermittler mehrere Tatverdächtige identifiziert haben.

Chaos in Silvesternacht

Übergriffe in Köln: Tatverdächtige identifiziert?

Köln - Was ist geschehen in der Nacht der massenweisen Übergriffe von Köln? Nur langsam kommt Licht ins Dunkel der Vorfälle. Bundesjustizminister Maas hält einen Zusammenhang mit den Hamburger Attacken für möglich.

Fast eine Woche nach den massiven Übergriffen auf Dutzende Frauen in Köln und Hamburg wird das ganze Ausmaß der dramatischen Silvesternacht bekannt: Inzwischen wurden in Köln mehr als 100 Anzeigen erstattet, in Hamburg über 50. Zahlreiche Frauen sollen ausgeraubt oder belästigt, zwei vergewaltigt worden sein. 

Drei oder vier Tatverdächtige?

Wie die Nachrichtenagentur "dpa" berichtet, hat die Kölner Polizei zwar eine erste Spur, festgenommen wurde allerdings bis zum Mittwoch noch niemand. Augenzeugen und Opfer hatten ausgesagt, die Täter seien dem Aussehen nach größtenteils nordafrikanischer oder arabischer Herkunft. Bislang gibt es laut Polizei keine Belege, dass Asylbewerber darunter waren. Die Polizei habe drei Verdächtige ermittelt, sagte NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) am Mittwoch in Düsseldorf. Es habe aber bislang keine Festnahmen gegeben. Die Ermittlungen seien schwierig. „Manchmal braucht der Rechtsstaat Zeit. Diese Zeit müssen wir ihm geben.“

Die Nachrichtenagentur "afp" hingegen berichtete am Mittwochabend, dass vier Tatverdächtigte laut Ermittlern identifiziert worden seien: Zwei sollen demnach in Untersuchungshaft sitzen. Die Kölner Polizei soll von "konkreten Hinweisen auf vier männliche Tatverdächtige" gesprochen haben. Noch in der Silvesternacht seien zwei aus Nordafrika stammende Taschendiebe auf frischer Tat ertappt worden. Nach der Identifizierung der beiden Männer seien sie wieder aus der Obhut der Polizei entlassen worden. Zwei weitere Verdächtige befinden sich nach Polizeiangaben bereits seit Sonntag in Untersuchungshaft. 

Laut "dpa" sollen diese Festnahmen, von denen "afp" schreibt, gemäß Polizeibericht jedoch "losgelöst" von den Ereignissen am Kölner Hauptbahnhof erfolgt sein - wenn auch die Polizei darüber unter der Überschrift: „Übergriffe am Bahnhofsvorplatz - Vier Tatverdächtige identifiziert“ berichtet habe. Sie vermeldet am Mittwochabend, die Kölner Polizei suche Zeugen zu fünf mutmaßlichen Taschendieben, die auch an den Übergriffen gegen Frauen in der Silvesternacht beteiligt gewesen sein könnten. Die fünf waren, wie die Polizei bereits am 2. Januar berichtet hatte, am frühen Sonntagmorgen auf dem Kölner Hauptbahnhof festgenommen worden. Sie sollen einen Reisenden bestohlen, vorher aber auch mehrere Frauen bedrängt haben. Die Frauen hatten sich entfernt, während Polizisten die Männer fesselten. Es werde geprüft, ob die fünf auch für eine Beteiligung an den Übergriffen in der Silvesternacht infrage kommen, sagte ein Polizeisprecher. Zwei von ihnen sitzen in Untersuchungshaft. Während der Übergriffe vor dem Bahnhof nahm die Polizei an Silvester auch zwei Taschendiebe auf der Rheinbrücke hinter dem Bahnhof fest, wie sie am Mittwochabend berichtete.

Rechte Partei Pro NRW hält Mahnwache vor Dom -  Hundert Menschen demonstrieren

Auf dem Kölner Bahnhofsvorplatz demonstrierten am Mittwochnachmittag etwa hundert Menschen gegen eine Mahnwache der rechten Partei Pro NRW an gleicher Stelle. Pro NRW hatte die Veranstaltung unter dem Motto "Zuwanderungsgewalt lässt uns nicht kalt" angemeldet. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte, es müsse "nun alles getan werden, damit die Wahrheit herauskommt". Gebraucht werde dann eine "klare und harte Antwort des Rechtsstaats". Übergriffe wie diese seien "nicht kleinzureden und durch nichts zu entschuldigen", sagte Seibert.

Heftige Kritik an Kölner Polizei

Politiker forderten ein hartes Vorgehen gegen die Täter. Vor allem die Polizei sieht sich weiter heftiger Kritik ausgesetzt, weil sie zu spät auf die aggressive Menschenmenge vor dem Kölner Hauptbahnhof reagiert haben soll und erst zwei Tagen nach den Übergriffen über die Vorfälle informierte. Dabei waren nach ihren Angaben am Silvesterabend auf dem Platz vor dem Bahnhof in Köln zahlreiche Frauen im Getümmel sexuell bedrängt und beklaut worden. Zuvor hatten sich etwa 1000 Männer auf dem Bahnhofsvorplatz versammelt und mit Feuerwerkskörpern um sich geworfen.

Nach den Übergriffen ermittelt nun die Abteilung für die Bekämpfung der organisierten Kriminalität der Staatsanwaltschaft Köln. „Tat- und Täterbeschreibungen lassen es derzeit zumindest nicht als ausgeschlossen erscheinen, dass das Geschehen organisierten Täterstrukturen zuzurechnen ist“, teilte die Behörde mit. Die Kölner Polizei stockte ihre Ermittlungsgruppe auf.

Zusammenhang mit Taten in Hamburg?

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) lässt wegen des Ausmaßes prüfen, ob es einen Zusammenhang zwischen den Taten in Köln und ähnlichen Attacken in Hamburg gibt. „Das Ganze scheint abgesprochen gewesen zu sein,“ sagte Maas im ZDF-„Morgenmagazin“. „Es wäre schön, wenn das keine Organisierte Kriminalität wäre, aber ich würde das gerne mal überprüfen, ob es im Hintergrund Leute gibt, die so etwas organisieren.“ So etwas geschehe nicht aus dem Nichts, es müsse jemand dahinterstecken.

Hamburger Ermittler gehen bislang nicht von Verbindungen aus. In der Hansestadt wurden Frauen nahe der Reeperbahn in der Silvesternacht von mehreren Männern umringt und an der Brust oder im Intimbereich begrapscht. Die Opfer seien zwischen 18 und 25 Jahren alt. Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) bezeichnete die Übergriffe als Schande.

Drei Viertel der insgesamt mehr als 150 Anzeigen in Köln und Hamburg haben nach Polizeiangaben einen sexuellen Hintergrund. „Viele Frauen geben in den Gesprächen an, dass sie auch angefasst wurden“, sagte eine Kölner Polizeisprecherin.

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Ermittlungen auch in Düsseldorf

Ähnliche Taten wie in Köln und Hamburg wurden auch in Düsseldorf gemeldet. "Die Art der Delikte ist mit denen in Köln vergleichbar", sagte ein Polizeisprecher dem WDR. Elf Frauen hätten Anzeige wegen sexueller Nötigung oder Diebstahls in der Silvesternacht gestellt.

Die Düsseldorfer Polizei ermittelt gegen mehr als 2000 Menschen, die im Verdacht stehen, bei organisierten Diebesbanden mitgewirkt zu haben. Sie werden für Taschendiebstähle, Drogenhandel oder Raubüberfälle mit Körperverletzung in der Innenstadt sowie rund um den Düsseldorfer Hauptbahnhof verantwortlich gemacht. Ein Polizeisprecher bestätigte am Mittwoch die Existenz einer Sonderkommission „Casablanca“, die seit anderthalb Jahren speziell die Organisation und Geschäfte dieser Gruppen untersucht.

Ziel der Sonderkommission sei, mehr über Bandenstrukturen, Absatzmärkte und Tätergruppen zu erfahren, sagte der Sprecher. Entsprechende Medienberichte träfen zu. Besonders auffallend sei der Anteil der mutmaßlichen Täter mit nordafrikanischen Wurzeln. Ob Verbindungen zu den Männern bestehen, die in der Neujahrsnacht in Köln Dutzende Frauen sexuell belästigt und bestohlen haben sollen, ist unklar. „Wir werden die Kölner Kollegen umfangreich mit unseren Erkenntnissen unterstützen“, sagte der Düsseldorfer Polizeisprecher.

Vorsitzender der Innenministerkonferenz: "Bin für eine schnellstmögliche Abschiebung"  

Angesichts der Übergriffe in Köln will der Vorsitzende der Innenministerkonferenz, Klaus Bouillon (CDU), eine schnellere Abschiebung straffällig gewordener Ausländer. „Ich bin für eine schnellstmögliche Abschiebung“, sagte der saarländische Innenminister der „Saarbrücker Zeitung“ (Donnerstagausgabe). „Wir müssen das Gesetz ändern. Es muss genau geregelt werden: Was ist ein Bagatelldelikt und ab wann darf man so schnell wie möglich abschieben?“, wird der CDU-Politiker zitiert.

Auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hatte eine mögliche Verschärfung der Vorgaben für straffällige Asylbewerber ins Gespräch gebracht.

De Maiziere: "So kann die Polizei nicht arbeiten"

De Maizière (CDU) mahnte jedoch, zunächst seien die Ermittlungen zu den Hintergründen der Vorfälle in Köln abzuwarten. Er brachte aber angesichts der jüngsten Übergriffe eine mögliche Verschärfung der Vorgaben für straffällige Asylbewerber ins Gespräch: Bislang gelte in Deutschland die Regel, dass sich erst eine Freiheitsstrafe von drei Jahren ohne Bewährung auf ein Asylverfahren auswirke. „Wir werden darüber zu reden haben, ob das nicht geändert werden muss.“

In den ARD-„Tagesthemen“ bemängelte de Maizière den Einsatz der Kölner Beamten: „Da wird der Platz geräumt - und später finden diese Ereignisse statt, und man wartet auf Anzeigen. So kann die Polizei nicht arbeiten.“ NRW-Innenminister Jäger entgegnete, auch im Zuständigkeitsbereich der Bundespolizei habe es Übergriffe gegeben. Die Bundespolizei untersteht dem Bundesinnenminister. 

Polizeigewerkschaften warnten daraufhin vor vorschnellen Schlussfolgerungen. Der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Rainer Wendt, sagte dem Sender HR-Info an die Adresse de Maizières gerichtet: "In dieser Weise pauschal über die Polizei in Köln herzufallen, das ist unanständig." Auch die Gewerkschaft der Polizei (GdP) wandte sich gegen "vorschnelle Schlussfolgerungen" nach dem Polizeieinsatz. Die Aufarbeitung der Straftaten stehe noch am Anfang, erklärte der GdP-Vize Arnold Plickert in Düsseldorf.

"Waren nicht überfordert"

Die Kölner Polizeiführung räumte zwar ein, am Neujahrsmorgen falsch über die Ereignisse der Nacht berichtet zu haben. In einer Erklärung hatte sie die Lage zunächst als recht entspannt beschrieben und sich selbst gelobt. Kritik am Einsatz wies sie allerdings zurück. „Wir waren nicht überfordert“, sagte Polizeipräsident Wolfgang Albers. Das ganze Ausmaß der Vorfälle sei erst später klar geworden. Einen Rücktritt schließt Albers aus. Auf die Frage, ob er im Amt bleibe, sagte er am Mittwoch in einem Interview auf WDR 5: „Aber natürlich. Gerade jetzt bin ich, glaube ich, hier gefragt." Dagegen verlangte FDP-Chef Christian Lindner personelle Konsequenzen an der Spitze der Polizei.

Mehr als 100 Anzeigen nach Übergriffen in Köln

CSU-Chef Horst Seehofer wiederum forderte ein hartes Vorgehen gegen die Täter. Die Übergriffe seien „erschütternd“ und „unsäglich“, sagte Bayerns Ministerpräsident in Wildbad Kreuth. Zugleich sagte er, die Vorfälle müssten "erst in Ruhe geklärt werden". Der CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach sagte mit Blick auf die Flüchtlinge in Deutschland, diese dürften "nicht pauschal als Sicherheitsrisiko" gesehen werden. Es wäre aber auch "ebenso falsch", die Gefahren zu bagatellisieren, die sich aus der "nur lückenhaft kontrollierten und kontrollierbaren Zuwanderung ergeben", sagte Bosbach dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Auch Kölns OB Reker in der Kritik

Auch Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) muss sich gegen Vorwürfe wehren. Sie zog mit einer Verhaltensempfehlung an Frauen Spott im Internet auf sich. „Es ist immer eine Möglichkeit, eine gewisse Distanz zu halten, die weiter als eine Armlänge betrifft“, hatte sie vor Journalisten auf die Frage geantwortet, wie man sich als Frau besser schützen könne. Unter dem Hashtag #einearmlaenge häuften sich daraufhin spöttische Kommentare. Justizminister Maas schrieb auf Twitter: „Nicht Frauen tragen Verantwortung, sondern Täter.“

Reker verteidigte sich am Mittwoch und sagte: „Durch die verkürzte Darstellung in einzelnen Medien ist teilweise der Eindruck entstanden, meine Präventionsinitiativen würden sich ausschließlich auf Verhaltenstipps für Frauen und Mädchen beschränken.“ Davon könne gar keine Rede sein.

Kölner Übergriffe prominent auf US-Zeitungstiteln

Die Übergriffe der Kölner Silvesternacht haben es auf die Titelseiten von „New York Times“ und „Wall Street Journal“ geschafft. Im „Journal“ steht über dem Bruch unter einem Foto Barack Obamas die Überschrift: „In Deutschland fordern Übergriffe die Flüchtlingspolitik Merkels heraus“. Auch die „New York Times“ stellt einen Zusammenhang zwischen Migranten und Köln her: „Attacken auf deutsche Frauen entzünden Debatte über Migranten“. Es ist selten, dass deutsche Themen von US-amerikanischen Zeitungen aufgegriffen werden, geschweige denn auf den Titelseiten.

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