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Am 23. Juni stimmen die Briten über einen möglichen EU-Austritt ab.

Cameron gerät unter Druck

Brexit: Frist zur Registrierung für EU-Referendum verlängert

London - Nicht mehr lange und die Briten stimmen über einen möglichen EU-Austritt ab. Die Brexit-Gegner werden von Tag zu Tag nervöser, denn die jüngsten Umfragen verheißen nichts Gutes.

Schon eigenartig. Da treten der britische Premier David Cameron und der rechtspopulistische Brexit-Wortführer Nigel Farage in einer TV-Sendung vor die Kamera - doch eine Debatte gibt es nicht. Keine Wortgefechte, kein Schlagabtausch, kein rhetorisches Showdown. Stattdessen treten beide nacheinander vor das Publikum, antworten schön brav den vorhersehbaren Fragen - Wahlkampf british style. Richtig punkten kann keiner.

Dabei geht es diesmal wirklich um die Zukunftsfrage der Nation. Soll das Vereinigte Königreich in der Europäischen Union bleiben - oder den Austritt wagen und alleine seine Wege gehen? 

Farage greift auch diesmal zu seiner Standardgeste: Der Chef der rechten Unabhängigkeitspartei Ukip zieht einen britischen Pass aus der Tasche, im EU-Rot: Das ist kein britischer Pass, höhnt er, das ist ein EU-Pass. Er kämpfe dafür, dass es künftig wieder britische Dokumente gebe. Das klingt simpel und eingängig, doch das Schauspiel war schon so oft im TV zu sehen, dass es abgegriffen wirkt. Zieht es noch beim Wähler? 

Brexit-Befürworter Farage spielt mit der Angst

Dann kommt sein Lieblingsthema Migration - und Farage gerät unter Druck. Seit Wochen spiele er mit der Angst, monieren aufgebrachte Fragesteller aus dem Publikum. Sie werfen ihm Rassismus vor und werden dabei mit Beifall unterstützt.

Auch der Erzbischof von Canterbury hat ihn jüngst deshalb ermahnt, doch Farage setzt die Unschuldsmiene auf: Er werde „dämonisiert“. Tenor: Alles falsch verstanden, ich bin gar nicht so schlimm, wie manche meinen. Auch er nennt wieder „die Kölner Ereignisse“, kritisiert Bundeskanzlerin Angela Merkel wegen ihrer Flüchtlingspolitik. Überzeugt das?

Aber auch Cameron hat keinen leichten Stand. Gebetsmühlenhaft wirken seine Antworten, missliche Fragen räumt er brüsk zur Seite, sofort bringt er wieder sein Mantra: Die EU ist gut für die britische Wirtschaft, und was gut ist für die Wirtschaft, ist gut für das Land. Basta, Ende der Diskussion. Das Publikum macht nicht den Eindruck, als sei es damit zufrieden. 

Großbritanniens Zukunft hängt am seidenen Faden

Täuscht es? Oder wirkt Cameron, immer fahriger, immer nervöser, je näher der Wahltag rückt? Grund zur Unruhe hat er, denn die Umfragen verheißen nichts Gutes. Seit Wochen sagen sie ein Kopf-an-Kopf-Rennen voraus, neueste Umfragen sehen jetzt sogar die Austrittsfreunde im leichten Vorteil. Zwar gibt es Vorbehalte gegen die Erhebungen, viele sind lediglich Online-Umfragen, schon bei den Parlamentswahlen vor einem Jahr haben die Auguren schwer daneben gelegen. 

Fazit: Zwei Wochen sind es noch bis zum 23. Juni. Niemand weiß, was kommt. Nicht nur Großbritanniens Zukunft steht auf dem Spiel, es geht auch um das Schicksal der EU. Fest steht: Es hängt am seidenen Faden. Cameron, dessen politisches Schicksal vom Ausgang des Referendums abhängen könnte, hat den erhofften Befreiungsschlag nicht geschafft. Hochspannung pur.  

EU-Referendum: Pannen bei der Wählerregistrierung

Bis Mitternacht konnten sich Wähler in Großbritannien am Dienstag für das EU-Referendum am 23. Juni registrieren. Theoretisch. Denn kurz vor Ablauf der Frist brach die Webseite zusammen. Das zuständige Ministerium teilte mit, es sei wegen eines massiven Ansturms zu technischen Problemen gekommen. Man arbeite an Lösungen für Fälle, in denen Wähler sich registrieren wollten und nicht in der Lage dazu waren.

Es war nicht die erste Panne in der Wählerregistrierung: Knapp eine Woche zuvor wurde bekannt, dass massenweise Wahlunterlagen an EU-Bürger verschickt worden waren, die gar kein Recht haben, an der Volksabstimmung über einen Brexit teilzunehmen. Die Wahlkommission sah sich zu einer Richtigstellung gezwungen. EU-Bürger seien von der Teilnahme an dem Referendum ausgeschlossen, es sei denn, sie stammten aus Irland, Malta oder Zypern, hieß es darin.

Frist zur Registrierung für EU-Referendum in Großbritannien soll um zwei Tage verlängert werden

Nach dem Zusammenbruch der Onlineregistrierung für das EU-Referendum in Großbritannien soll die in der Nacht abgelaufene Frist verlängert werden. Über die Ausweitung der Registrierungsfrist werde am Donnerstag das Parlament abstimmen, teilte die Regierung am Mittwoch mit. Die Frist soll demnach um zwei Tage "bis morgen Mitternacht" verlängert werden.

In den letzten Stunden vor Fristablauf Dienstag um Mitternacht hatten sich noch zehntausende Menschen eingeloggt. Statt des Formulars erhielten sie aber ab 22.00 Uhr eine Fehlermeldung: "Entschuldigung, wir haben technische Probleme. Bitte versuchen Sie es später noch einmal." Um 00.01 verkündete die Wahlkommission auf Twitter, die Registrierungsfrist sei abgelaufen. "Wenn Sie nicht registriert sind, können sie nicht am Referendum über die EU teilnehmen."

Viele Politiker forderten daraufhin eine Fristverlängerung. Unter den Bürgern, die sich noch auf den letzten Drücker registrieren wollten, waren überdurchschnittlich viele junge Menschen. Unter diesen ist der Anteil der EU-Befürworter höher als im Durchschnitt. Die Brexit-Gegner fürchteten daher, die Panne könne sie in ihrem Kampf um den Verbleib Großbritanniens womöglich entscheidend geschwächt haben. In Umfragen liegen beide Lager derzeit gleichauf.

dpa/AFP

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