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Die Freiheit scheint so grenzenlos zu sein wie der Himmel über Maik (Tristan Göbel, li.) und seinem Klassenkameraden Tschick (Anand Batbileg). 

Unser Film der Woche

Kinofilm „Tschick“: Auf großer Fahrt ins eigene Leben

München - Fatih Akin verfilmt die Außenseiterballade „Tschick“. Die beiden 14-Jährigen, Maik und Tschick befinden sich auf einer Odysse durch die ostdeutsche Provinz.

Wer zur Musik von Richard Clayderman, zu dessen überzuckerter „Ballade pour Adeline“ aus seinem miesen Leben ausbrechen muss, weil im Lada, in dem diese Flucht stattfindet, nur eine Kassette des französischen Pianisten liegt, der ist entweder eine arme Sau oder ein besonders starker Charakter. Möglicherweise auch beides – wie Maik und sein Klassenkamerad Tschick. Gleichwohl dauert es, bis die beiden 14-Jährigen das erkennen. Fatih Akin begleitet die Burschen auf ihrer Odyssee durch die ostdeutsche Provinz – zum Glück des Publikums.

Der Regisseur bringt Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ ins Kino. Der im Jahr 2010 erschienene Roman ist ein Bestseller, hat allein in Deutschland mehr als zwei Millionen Leser gefunden, wurde mehrfach ausgezeichnet und in zig Sprachen übersetzt. Die Theateradaption ist das meistgespielte Stück auf deutschen Bühnen, eine Opernfassung soll 2017 in Hagen uraufgeführt werden.

Herrndorf erzählt von zwei Außenseitern, die auf den ersten Blick nur eines gemein haben: die Ablehnung durch die anderen. Maiks Mutter säuft und verbringt mehr Zeit im Entzug als zuhause, sein Vater interessiert sich für seine Assistentin, weniger für seinen Sohn. In den Augen seiner Schulkameraden ist Maik ein Opfer – uncool, einen wie ihn auf eine Party einzuladen. Bis der Russlanddeutsche Tschick in die Klasse kommt: Der Spätzünder und der Spätaussiedler, der „Psycho“ und der „Asi“ freunden sich allmählich an. Zu Beginn der Sommerferien steht Tschick plötzlich mit einem geklauten Lada bei Maik vor der Tür – die beiden brechen zu einer Spritztour auf, ihr Ziel: die Walachei. Doch das ist letztlich wurscht, denn „Landkarten sind für Muschis“, sagt Tschick, und der Sommer scheint so endlos wie die Freiheit. Als sie dann Isa treffen, bekommt Maik auch noch eine Ahnung von der ungeheuren Wucht der Liebe.

Herrndorf erzählt vom Erwachsenwerden: poetisch, komisch, unaufgeregt. Seine Helden erinnern an Tom Sawyer und Huckleberry Finn, sein Buch ist ein Roadmovie – wie immer geht es dabei nicht ums Ankommen im eigentlichen, sondern im übertragenen Sinn: bei sich selbst. Ohne zu viel zu verraten, wird Maik am Ende der Reise ein anderer sein. Und Tschick? Wir wünschen es ihm.

Fatih Akin hat die passenden Bilder für diese scheinbar kleine und doch so große Geschichte gefunden. „Tschick“ ist die erste Literaturverfilmung des Filmemachers – und nach „Solino“ (2002) erst seine zweite Regiearbeit, zu der er nicht selbst das Drehbuch geschrieben hat. Herrndorf (1965–2013) hatte vor seinem Freitod seinen Freund Lars Hubrich gebeten, den Roman zu adaptieren. Das ist ganz wunderbar geglückt; Hubrich bringt den Klang des Textes auf die Leinwand – verknappt und verdichtet zugleich aber, damit „Tschick“ auch im Kino funktioniert. Mit jedem Meter, den die Burschen zwischen sich und ihr altes Leben bringen, wird die Inszenierung offener: Die Bildausschnitte werden weit und großzügig, das Tempo zieht an. So sieht Freiheit aus.

Die große Fahrt ins eigene Leben – es hätte ein pathetischer, peinlicher Film werden können. Wo aber Schwulst lauert, inszeniert Akin mit Wärme; wo Comedy droht, setzt er auf Komik. Mit Tristan Göbel als schüchternem Maik, mit Anand Batbileg, dessen Tschick mehr im Leben gesehen hat, als für eine junge Seele gut sein kann, und mit Nicole Mercedes Müller, deren Wildfang Isa eine große Traurigkeit verbirgt, hat der Regisseur zudem Hauptdarsteller, die scheinbar mühelos Herrndorfs Figuren zu Menschen machen. So rührt dieses Pubertätsdrama an Fragen, die letztlich jeden umtreiben. Gespielt wird es jedoch wie nebenbei. Und weil das glückt, können die Helden sogar zu Richard Clayderman den Ausbruch wagen.

„Tschick“

mit Tristan Göbel Regie: Fatih Akin

Laufzeit: 93 Minuten

Hervorragend

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