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Aus seinem jämmerlichen Dasein als Zirkusbelustigung wird Igor (Daniel Radcliffe, li.) vom genial-verrückten Victor Frankenstein (Janes McAvoy) errettet.

Operation missglückt, Patient tot

Kino-Flop " Victor Frankenstein": Kehrtwende ins Bodenlose

München - Paul McGuigan erzählt eine grotesk überdrehte Frankenstein-Geschichte, die in der letzten halben Stunde abstürzt.

Vielleicht wäre alles gar kein Problem, wenn Victor und Igor auf herkömmlichem Wege zusammen Nachwuchs bekommen könnten. Aber was soll einer machen wie Herr Frankenstein? Der den Drang verspürt, als Wiedergutmachung einer traumatischen Kindheits-Schuld ein Leben in die Welt zu setzen. Der aber den Damen auf einer Ballgesellschaft euphorisch erklärt, wie überflüssig sie geworden sind dank des Wunders künstlicher Befruchtung. Frankensteins Lösung des Dilemmas kennt jeder. Und Paul McGuigans Film macht keinerlei Hehl daraus, dass seine Geschichte bekannt ist.

Neu ist, dass die Erschaffung der Kreatur am Ende steht und es um die Vorgeschichte des genial-verrückten Schöpfers geht. Paul McGuigan hat vier der besten „Sherlock“-Folgen gedreht und ist somit Spezialist für eine Art Männer-Ehe zwischen dem brillanten Exzentriker und dessen Gehilfen. Dabei reizen ihn weniger angedeutete homoerotische Aspekte, sondern der Beziehungsalltag und Dialogduelle, die einer Screwball-Komödie alle Ehren machen würden.

Drastische Kehrtwendung ins Bodenlose

Erzählt wird das aus der Perspektive von Igor (Daniel Radcliffe), den Victor Frankenstein (James McAvoy) von einem Dasein als Zirkusfreak errettet. Die beiden Hauptdarsteller haben einen Heidenspaß daran, die Theatralik zu überdrehen und sich gegenseitig in fast hysterische Höhen zu schaukeln. Und Andrew Scott, der „Sherlock“-Moriarty, darf hier zwar die Seiten des Gesetzes wechseln, aber als Scotland-Yard-Inspektor genauso neurotisch-obsessiv sein. Die Ästhetik des Films bedient sich bei viktorianischer Grafik und Dickens-Illustrationen ebenso wie bei Steampunk. In ihrer gekonnt überzeichneten Groteske und lustvollen Künstlichkeit gibt sie dem überlebensgroßen Spiel der Darsteller adäquaten Rahmen und Gegengewicht.

Und so hätte „Victor Frankenstein“ – basierend auf einem Drehbuch von Max Landis, Sohn des Kultregisseurs John Landis („An American Werewolf in London“) – ein ziemlich wunderbarer Film werden können, nähme er nicht in der letzten halben Stunde eine drastische Kehrtwendung ins Bodenlose. Heißa, gehen da alle Charakterzeichnung und Witz den Sturzbach runter! Das hat einen so schnöden wie schäbigen Grund: Weil derzeit alle Hollywood-Buchhalter grün vor Neid auf die Gelddruckmaschine von Disneys Marvel-Universum blicken, plant auch Universal, seine klassischen Horror-Heroen in ein Franchise-Geflecht zu spinnen. „Victor Frankenstein“ (in den USA böse gefloppt) soll dazu eine der Ursprungs-Legenden abgeben. Und so hat man ihn eines würdigen Finales beraubt und ihm ein Stück Action-Gewumms und Gedröhns angenäht. Operation missglückt, Patient tot. Aber, ach, der Rumpf ist noch vergnüglich anzuschauen.

„Victor Frankenstein“

mit Daniel Radcliffe, James McAvoy

Regie: Paul McGuigan

Laufzeit: 110 Minuten

Sehenswert

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