Filmkritik & Trailer

„The Duke of Burgundy“: Wenn Kopfkino real wird

„The Duke of Burgundy“ ist ein überraschendes Meisterwerk. 

Die Fantasie der Lust schreibt die minutiösesten Drehbücher. Es scheint, als wäre Cynthia (Sidse Babett Knudsen) die strenge Herrin in ihrem Haus, und Evelyn (Chiara D’Anna) das geknechtete Dienstmädchen. Doch die beiden sind ein Paar, ihre strafenden Rituale erotisches Spiel.

Perfekt inszeniert ist auch Peter Stricklands überraschendes Meisterwerk. Doch sein Fetisch sind nicht die Körper der Protagonistinnen. Seine geradezu synästhetische Sinnlichkeit sucht er in den Texturen, Farben, Klängen, dem imaginierten Duft, der somnambulen Gestelztheit jenes europäischen Erotik-Kinos der 1970er, als die Grenzen verschwanden zwischen Experimental- und Exploitationfilmen: dem Kino von Jess Franco, Walerian Borowczyk, Alain Robbe-Grillet – und freilich Buñuels „Belle de jour“.

Die Welt von „The Duke of Burgundy“ ist ähnlich surreal. Es gibt dort keine Männer, und die Frauen verbringen ihre Zeit ähnlich leidenschaftlich wie bei den S/M-Szenarios nur mit Schmetterlingsforschung. Mit dieser Arbeit ist Strickland („Berberian Sound Studio“) endgültig einer der spannendsten Regisseure unserer Zeit. Man muss Evelyns Fantasien nicht teilen, um in ihrer Beziehung zu Cynthia allgemeine Dynamiken der Liebe wiederzuerkennen: Wenn Menschen ihre Skripte des Begehrens im Kopf haben, sich eine willige Besetzung der fertigen Rolle ersehnen. Wenn das Kopfkino mit dem Körper und den Bedürfnissen einer realen Person kollidiert. Und wenn sich ein Kompromiss finden muss zwischen Selbstverleugnung und liebevoller Wunscherfüllung.

Thomas Willmann

Rubriklistenbild: © Verleih

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