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Zum ersten Mal seit 25 Jahren schlägt bei der Langzeit-Umfrage die Angst vor Attentaten alles aus dem Feld. (Symbolbild)

Für Experten sind Ängste nicht aus Luft gegriffen 

Jahr der Ängste: Deutsche fürchten Terror und Zuwanderung

Berlin/Heidelberg – Ein Politologe der Uni Heidelberg und eine Psychiaterin erklären warum das wachsende Unsicherheitsgefühl der Deutschen kein Einzelfall, sondern ein Massenphänomen geworden ist: 

„German Angst“ wird im Ausland noch immer belächelt. In den vergangenen Jahren schienen die Deutschen wenig ins Klischee zu passen. Doch nun schwappt eine Riesenwelle von Besorgnissen hoch - aus der Luft gegriffen sind sie für Experten nicht.

Ein leichtes Unwohlsein in der Menschenmenge auf der Fußball-Fanmeile. Abends ein prüfender Blick auf die bärtigen Männer, die sich in der U-Bahn laut auf Arabisch unterhalten. Manchmal sind es kleine, ganz individuelle Reaktionen, die das Alltagsleben in Deutschland verändert haben. 

Ergebnisse der Umfrage: „Die Ängste der Deutschen“

Nun zeigt die repräsentative Umfrage „Die Ängste der Deutschen“, dass wachsende Unsicherheitsgefühle kein Einzelfall, sondern ein Massenphänomen sind.

„2016 ist das Jahr der Ängste“, kommentiert Manfred Schmidt, Politologe an der Universität Heidelberg. Dabei gebe es erstmals erdrutschartige Verschiebungen - weg von den üblichen Sorgen um Geld, Gesundheit und Umwelt und hin zu Terror und Extremismus.

Zum ersten Mal seit 25 Jahren schlägt bei der Langzeit-Umfrage dieAngst vor Attentaten alles aus dem Feld, dicht gefolgt von der Furcht vor politischen Extremisten sowie Spannungen und Überforderung durch Zuwanderung.

Die Intensität ist sichtbar, Balkendiagramme steigen an der Spitze zu einen wahren Angstberg an, hinter dem persönliche Sorgen verblassen. Im Unterschied zu früher zeigt sich dabei im Osten und Westen des Landes sowie bei Männern und Frauen fast das gleiche Bild.

Deutsche kein Volk von Angsthasen

Für Schmidt sind die Bundesbürger kein Volk von Angsthasen. Sie reagierten vielmehr mit einem sicheren Gespür für Veränderungen sensibel auf Grundströmungen. In diesem Jahr seien sie an ihrer Achillesferse getroffen: ihrem Sicherheitsbedürfnis. 

„Die deutsche Bevölkerung ist besonders stark auf der Suche nach wirtschaftlicher, sozialer, innen- und außenpolitischer Sicherheit, erläutert Schmidt. Die Erwartungen seien dabei in erster Linie an Staat und Wirtschaft gerichtet.

Schallende Ohrfeige für Politik

Das mag auch die schallende Ohrfeige erklären, die eine satte Zwei-Drittel-Mehrheit der Befragten Politikern verpasst: Sie halten sie schlicht für überfordert. „Dieses vernichtende Urteil stellt alles in den Schatten, was wir bisher an Werten für diese Umfrage hatten“, sagt Schmidt.

Es sei ein Zeichen dafür, dass die Politik beim Management der Flüchtlingskrise das Zutrauen der Bevölkerung verloren habe. Für den Politologen sind die Sorgen vor dem Kontrollverlust des Staates keine diffusen Ängste. Politiker stellten sich bei der Bewältigung der Flüchtlingsfrage wirklich tot, urteilt er.

Diese Meinung teilt auch Isabella Heuser, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité: „Die Aussage, dass es in Deutschland keine konkrete Terrorgefahr gibt, sondern nur eine abstrakte - das ist doch eine leere Formel“, kritisiert sie. „Das steigert die Verunsicherung nur noch.

Hilfreicher wäre es für Politiker zu sagen: Ja, es gibt auch bei uns eine hohe Wahrscheinlichkeit für Anschläge. Aber die Wahrscheinlichkeit, selbst davon getroffen zu werden, ist sehr gering.

„Damit können Menschen auch auf emotionaler Ebene etwas anfangen.“

Dass sich die Deutschen aber nicht allein von aktuellen Schlagzeilen beeindrucken lassen, zeigt die EU-Schuldenkrise. Trotz verhaltener Berichterstattung sehen weiterhin zwei Drittel der Befragten die Gefahr hoher Kosten auf Steuerzahler zukommen. „Applaus!“, sagt Politologe Manfred Schmidt zu diesem Ergebnis. „Das ist vor dem Hintergrund der 500-Milliarden-Euro-Haftung Deutschlands ein kritisches und selbstständiges Urteil.“

Angst vor Terror hat sich in Europa verbreitet 

Die Umfrage steht nicht allein. Viele Europäer befürchten nach einer aktuellen Erhebung des US-Meinungsforschungsinstituts Pew, dass der Flüchtlingszustrom die Terrorgefahr in ihrem Land erhöht

Spitzenreiter unter mehr als 10.000 Befragten in zehn Ländern ist Ungarn mit 76 Prozent, gefolgt von Polen (71) sowie Deutschland und den Niederlanden (je 61 Prozent). 

Auch die Sorge, dass Flüchtlinge eine wirtschaftliche Belastung werden könnten, ist nach dieser Umfrage in acht von zehn Ländern verbreitet. Die Deutschen machen sich darüber weniger Sorgen und bilden mit 31 Prozent das Schlusslicht. An der Spitze liegen Ungarn (81 Prozent) und Polen (71 Prozent).

Das sagt die Psychiaterin

Isabella Heuser sieht reale Anlässe hinter den Sorgen der Deutschen. „Wir leben in einer Zeit, in der die Terrorismus-Gefahr bei uns sehr hoch ist“, sagt die Professorin. „Istanbul, Paris, Brüssel - die Einschläge kommen immer näher.“

Auch die große Zuwanderung und die Überforderung vieler Behörden damit sei eine Realität, die auf viel mehr Medien-Kanälen als früher in das Alltagsleben einbreche.

Große Angst – eine Mentalitätsfrage?

Dass die Deutschen ihre Ängste groß schreiben, hält Heuser zum einen für eine Mentalitätsfrage. „Keep calm and carry on“ (ruhig bleiben und weitermachen) als pragmatische angelsächsische Strategie sei den Bundesbürgern nun einmal nicht so gegeben, sagt sie. Zum anderen hält auch sie die deutsche Politik für nicht ganz unschuldig an der neuen Angstwelle.

Jugend geht in unsicheren Zeiten auf Kuschelkurs

Jugendstudien haben jüngst gezeigt, dass Teenager in unsichereren Zeit einen Kuschelkurs mit ihren Eltern fahren und auf Rebellion verzichten. Und Erwachsene? „Sie reagieren ähnlich“, sagt Psychologin Isabella Heuser. „Der Mensch ist ein Herdentier, er orientiert sich zuerst an seiner eigenen Gruppe.

Angefangen bei der Familie, über Arbeitsplatz und Freundeskreis bis hin zu kultureller Identität schlössen sich Menschen nun oft enger zusammen. Umso ungeschickter sei es, Ängste vor Zuwanderung schnell als unmoralisch oder rechtsradikal abzutun - vor allem in Regionen mit wenig Ausländererfahrung, ergänzt Heuser.

dpa/kp

Quelle: Mannheim24

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