+
Bizarre Welten warten in "No Man´s Sky" darauf, erkundet zu werden.

Videospiele

"No Man´s Sky" im Test: Lost in Space

München - "No Man´s Sky" ist ein Spiel, das polarisiert: Die einen lieben die Freiheit und die Leere. Die anderen langweilen sich irgendwann. Zum Spieletest.

Na herrlich. Mein Raumschiff hat nur noch Schrottwert. 1,8 Trillionen Planeten gibt es in "No Man´s Sky". Und ich strande auf einem Eiswürfel am hintersten Ende des Universums. Funken sprühen, die Heizung meines Raumanzugs saugt an der Batterie wie ein Kettenraucher an der ersten Fluppe des neuen Tages.

Wenn ich hier überleben will, muss ich in Gang kommen. Und zwar schnell. Aber das ist leichter gesagt als getan. Denn "No Man´s Sky" von Hello Games, frisch erschienen für Playstation 4 und PC, ist - vorsichtig formuliert - nicht sonderlich einsteigerfreundlich. Wo muss ich hin? Was muss ich machen? Ratlosigkeit macht sich breit. Irgendwann - der Raumanzug piept hektisch - klettere ich zum Aufwärmen in meinen schnittigen Raumgleiter. Der ist zwar eher dekorativ als wirklich hilfreich, aber zumindest die Heizung funktioniert noch. Ein eingehendes Studium des Inventars und vieler Texttafeln später habe ich verstanden: Ich muss Ressourcen sammeln, daraus Dinge herstellen und so mein Raumschiff reparieren.

"No Man´s Sky" im Test: Spurensuche auf der einsamen, saukalten Welt

Also raus in die Kälte und los geht es. Mein Handstrahler, den ich eher zufällig entdecke, als ich die rechte Abzugstaste drücke, ist ein überaus praktisches Ding. Damit braucht man nur Bäume (gibt Kohlenstoff), Steine (gibt Eisen) oder blaue Blumen (gibt Platin) anzuvisieren, dann schießt man einen Strahl ab und die abgebauten Elemente wandern in das winzigkleine Inventar. Damit kann man unterwegs den Akku der Anzugheizung und den Strahler aufladen oder Plutonium für den Raumschiffantrieb sammeln. Nebenbei gibt es auf dem Planeten, auf dem ich als erstes und als Erster gestrandet bin, wahnsinnig viel zu entdecken. Mannigfaltige Fauna und Flora kann gescannt werden, Hinterlassenschaften außerirdischer Vorbesucher sind zu entdecken, Stelen verraten einzelne Worte aus dem Sprachschatz der Eingeborenen.

Gigantisches Universum in "No Man´s Sky"

"No Man´s Sky" ist eines der am sehnlichsten erwarteten Spiele des Jahres. Ein winziges Team in Großbritannien hat ein gigantisches Universum mit besagten 1,8 Trillionen Planeten erschaffen, die nun von Millionen Spielern erkundet werden sollen. Die Planeten werden dabei zufällig generiert, die vorhandenen Vorlagen für Geografie, Vegetation, Tierreich sowie geheimnisvollen Resten früherer Zivilisationen immer wieder neu kombiniert. Dadurch wird man schwerlich zwei Planeten finden, die sich gleichen. Dabei kann man sich für alles, was man entdeckt, per Upload-Klick auch als Weltenerkunder registrieren lassen. Dann hagelt es ganz nebenbei Credits. Die einzelnen Welten in den einzelnen Sternensystemen sind dabei zufallsgeneriert und unterscheiden sich insbesondere mit Blick auf die Umweltbedingungen, die Zahl der Tiere und Pflanzen und die Dichte an Rohstoffen. Rein optisch sehen sie alle schon ein bisschen ähnlich aus - nur die gewählte Farbpalette macht den großen Unterschied. Natürlich besucht man im späteren Verlauf des Spiels dann auch Planeten mit üppiger Vegetation und anhänglichen Fleischfressern.

Immer randvolle Taschen

Aber zurück zum Eiswürfel, auf dem ich - ohne große Vorgeschichte - offenbar gestrandet bin. Mittlerweile habe ich Elemente abgebaut, dass der Strahler glüht. Und bin auch ein bisschen rotglühend vor Wut ob des unfassbar fummeligen Inventars. Sicher ist es ein beliebter Kniff bei Spieledesignern, den Spieler anfangs einzuschränken, um ihm später das Gefühl des Fortschritts zu vermitteln. Aber angesichts der Ressourcenvielfalt eines so offensichtlich auf Grinding basierenden Spiels wie "No Man's Sky" ist es ehrlich gesagt eine Frechheit, den Spieler mit einer Handvoll popeliger Inventarplätze im Anzug und Raumschiff abzuspeisen. Vor allem, weil Verbesserungen an Schiff und Anzug auch gleich wieder einen Platz dauerhaft blockieren und man immer einen oder gleich mehrere freie Inventarplätze braucht, um etwas herzustellen. Ich verwende, während die Kälte am Anzugakku nagt, einen erheblichen Teil meiner Spielzeit darauf, irgendwas irgendwohin zu schieben. Das mag Buchhalter glücklich stimmen, mir geht es gehörig auf die Nerven. Und das ist schade, denn eigentlich bin ich gerade ziemlich im Flow. Ich scanne die Umgebung, identifiziere immer neue Arten und vergesse dabei fast, dass ich ja eigentlich meinen Gleiter reparieren möchte. Ein Sturm kommt auf, die Temperatur sinkt auf über minus 70 Grad. Es reicht. Zurück zu meinem Schrotthaufen. Ein paar Klicks später kann ich abheben.

"No Man´s Sky" im Test: Nahtloser Flug ins Weltall

Was dann passiert, raubt einem den Atem. Nahtlos schieße ich in den Himmel und befinde mich auf einmal im Orbit. Eine Raumstation wartet darauf, erkundet zu werden. Und etliche weitere Planeten. Und so steige ich ein in das Hamsterrad des Grindings. Will ich das Planetensystem verlassen, muss ich meinen Hyperantrieb repaieren. Dafür brauche ich - natürlich - Ressourcen. Und so klappere ich die anderen Planeten - wahlweise saukalt oder eine gemütliche Strahlenhölle, einer mit hochtoxischer Atmosphäre - ab und sammele Elemente.

Um es klarzustellen: Prinzipiell habe ich absolut nichts gegen ein, zwei gemütliche Stunden stupiden Grindings nach Feierabend - etliche hundert Stunden "Destiny" sprechen da eine deutliche Sprache. Aber für die Erledigung immergleicher Arbeiten will ich auch belohnt werden. Mit einer echten Progression der Geschichte. Mit mächtigen neuen Kanone. Oder mit einem seltenen mattschwarzen Lack für meine Rüstung. Die Belohnungsspirale bei "No Man´s Sky" dreht sich indes langsam. Irgendwann fliege ich mit meinem reparierten Hyperantrieb und der aufgeladenen Warpzelle ins Nachbarsystem. Da ist es nicht mehr saukalt, sondern sehr kommod. Und der Planet sieht nicht grünlich, sondern gelblich aus. In der Raumstation steht ein anderer Außerirdischer, der mich schon wieder nicht leiden kann. Das war es im Groben auch schon.

Zu teuer für ein Independent-Spiel

Nun muss ich grinden, um selbst Warpzellen herstellen zu können und den nächsten Storyschnipsel zu ergattern. Das alles klingt jetzt negativer, als es sich beim eigentlichen Spielen darstellt. Das macht für eine Weile schon Laune. Aber das große Problem von "No Man´s Sky" ist sein Preis. Im Kern ist es ein eindrucksvolles Independent-Spiel, programmiert von einem winzigen Entwicklerstudio. Für 60 Euro bekomme ich aber mittlerweile einen topaktuellen AAA-Titel wie "Uncharted" auf der Konsole. Und beim Steam-Sale auf dem PC genug Spiele, um bis zum Lebensende zu zocken. 20 Euro wären ein Preis, der für die Entdeckungsreise in der Galaxis ohne Überlegungen gezahlt werden könnten. Aber 60 Euro sind für das Gebotene einfach zu viel.

"No Man´s Sky" im Test: Das Fazit

"No Man`s Sky" ist ein faszinierendes Experiment, ein - im wahrsten Sinne des Wortes - unendlicher Raum, den es zu entdecken, zu dokumentieren und schlussendlich auszuplündern gilt. Dennoch ist es ein Spiel, das polarisiert. Die einen lieben die Freiheit, die Leere, die sie mit ihrer Fantasie auffüllen können. Die anderen, und dazu gehöre ich, langweilen sich irgendwann, ärgern sich über das künstlich verkleinerte Inventar und sehnen sich nach einer Geschichte, die mit der Epik der Galaxis mithalten kann.

Die besten iOS-Apps des Jahres 2016

Die besten iOS-Apps des Jahres 2016

Kommentare