+

Vorhofflimmern

Erste Hilfe gegen das Chaos im Herzen

Es ist eine Erkrankung, die fast zwei Millionen Menschen trifft – und trotzdem oft nur durch Zufall entdeckt wird: Vorhofflimmern. Das ist fatal. Unbehandelt steigt das Risiko für einen Schlaganfall.

Autofahrer kennen das: Streikt die Elektronik, läuft der Motor meist nicht mehr rund. So ähnlich ist das auch mit dem Herzen. Es pumpt nur dann mit voller Kraft, wenn sein Rhythmus stimmt – und auch der wird elektrisch gesteuert. Genau das funktioniert aber bei Patienten mit Vorhofflimmern nicht mehr richtig. „Bei ihnen herrscht in den Vorhöfen des Herzens ein elektrisches Chaos“, sagt Prof. Heidi Estner. Sie ist Oberärztin an der Medizinischen Klinik I am Klinikum der Universität München. Dort leitet sie den Bereich „interventionelle Elektrophysiologie“. Hier die wichtigsten Fakten.

Vorhofflimmern: Was passiert im Herzen?

Darin herrscht Chaos – und dazu muss man Folgendes wissen: Das Herz besteht im Wesentlichen aus vier Teilen, die linke und rechte Herzkammer (Hauptkammer), zudem der linke und rechte Vorhof. Diese Vorhöfe dienen als eine Art Empfangshalle – hier sammelt sich das Blut, bevor es in die jeweilige Herzkammer gepumpt wird. Bei Patienten mit Vorhofflimmern entstehen chaotische elektrische Signale in den Vorhöfen. Sie bewirken, dass die Herzmuskelzellen nicht mehr synchron arbeiten. Die Folge: Die Vorhöfe pumpen nicht mehr richtig.

Was bemerken Patienten?

Wird das Blut vom Vorhof nicht zügig weiter in die Herzkammer gepumpt, nimmt die Herzleistung ab – und zwar „um etwa fünf bis zehn Prozent“, sagt Expertin Estner. Ist der Patient ansonsten gesund, fällt ihm das womöglich kaum auf. Andernfalls fühlt er sich abgeschlagen, weniger leistungsfähig und kommt eher außer Atem. War die Herzleistung schon vorher schlechter, dann sind diese Beschwerden umso stärker. Bei Betroffenen können zum Beispiel Brustschmerzen und Schwindel dazu kommen. Viele Patienten spüren auch ein Herzrasen oder „Herzstolpern“ – sie fühlen also, dass das Herz unregelmäßig schlägt. Das macht vielen Angst.

Aber: „Etwa die Hälfte der Patienten mit Vorhofflimmern spürt gar nichts“, sagt Estner. Bei ihnen wird die Störung oft zufällig entdeckt – zum Beispiel, wenn der Arzt den Puls fühlt, den Blutdruck misst oder ein Elektrokardiogramm (EKG) durchführt.

Wie häufig ist die Erkrankung?

Vorhofflimmern ist die häufigste Art der Herzrhythmusstörungen – und eine Volkskrankheit. Der Deutschen Herzstiftung zufolge leiden hierzulande mehr als 1,8 Millionen Menschen daran. Wahrscheinlich sind es sogar mehr: Da viele Patienten keine Beschwerden haben, gehen Experten von vielen unentdeckten Fällen aus. Generell gilt: Ältere Menschen trifft es viel häufiger als junge. Der Deutschen Herzstiftung zufolge sind vier bis sechs Prozent der 60-Jährigen betroffen; bei den über 80-Jährigen sind es schon neun bis 16 Prozent.

Warum ist das Chaos im Vorhof gefährlich?

Ja. Der Grund: Pumpt der Vorhof nicht mehr richtig, dann kommt das Blut darin teilweise zum Stillstand. Dadurch bilden sich leichter Blutgerinnsel. Löst sich ein solches, kann es mit dem Blutstrom bis ins Hirn gespült werden – und dort Blutgefäße verstopfen. Die Folge ist ein Schlaganfall. Laut Deutscher Herzstiftung sind 30 Prozent aller Schlaganfälle auf Vorhofflimmern zurückzuführen.

Dieses Risiko lässt sich aber senken – und zwar durch Tabletten. Ärzte verordnen darum Gerinnungshemmer. Dazu gehören „Vitamin-K-Antagonisten“ wie zum Beispiel das vielen bekannte „Marcumar“. Infrage kommen auch neuere „orale Antikoagulanzien“, deren Wirkung sich leichter kontrollieren lässt. Früher wurde bei Patienten mit Vorhofflimmern auch Acetylsalicylsäure (ASS, „Aspirin“) eingesetzt. „Das allein reicht aber nicht“, warnt Kardiologin Estner.

Wie kommt das Herz in den richtigen Takt?

Bei manchen Patienten ist der Herzrhythmus nicht die ganze Zeit unregelmäßig. Mediziner sprechen von „paroxysmalem Vorhofflimmern“. Es tritt plötzlich auf, kann Minuten, Stunden oder auch wenige Tage anhalten. Danach schlägt das Herz wieder normal. Zum Arzt sollten sie trotzdem – allein schon wegen des Schlaganfall-Risikos.

Halten Rhythmusstörungen länger an, kommt eine „elektrische Kardioversion“ infrage. Dabei versucht der Arzt, das Vorhofflimmern mit einem Elektroschock zu beenden. Der Patient bekommt davon nichts mit – er erhält eine Kurznarkose. Haben sich aber schon Blutgerinnsel in den Vorhöfen gebildet, kann die Kardioversion gefährlich werden: Sie kann einen Schlaganfall auslösen. Deshalb kontrolliert der Arzt das Herz schon vor dem Eingriff – und zwar mittels einer „transösophagealen Echokardiografie (TEE)“. Das ist eine Ultraschall-Untersuchung durch die Speiseröhre. Das Verfahren wird darum oft auch „Schluck-Echo“ genannt. Stellt der Arzt ein Gerinnsel fest, müssen Patienten zunächst eine Zeit lang Gerinnungshemmer einnehmen, damit diese aufgelöst werden. Nach der Kardioversion helfen dann Medikamente, den Herzrhythmus zu stabilisieren.

Leiden Patienten bereits jahrelang an Vorhofflimmern, ist dieses also „persistierend“, dann bringt eine elektrische Kardioversion oft keinen Erfolg. Ihnen helfen Medikamente, die das Herz wieder in den richtigen Takt bringen: „Antiarrhythmika“. Ärzte setzten diese Mittel heute allerdings viel zurückhaltender ein, sagt Expertin Estner.

Der Grund: Die Arzneien hätten „erhebliche Nebenwirkungen“. Bei Patienten mit Vorhofflimmern, die kaum Beschwerden haben, reichten oft Betablocker, um das Herz zu entlasten. Ärzte verordnen zudem oft Gerinnungshemmer zur Vorbeugung eines Schlaganfalls.

Wie funktioniert eine Katheter-Ablation?

Leiden Patienten unter starken Beschwerden, kommt eine andere Methode infrage: die Katheter-Ablation. „Zielort“ des Eingriffs ist die Lungenvenen, die in den linken Vorhof münden. Denn genau hier entsteht das Vorhofflimmern. An Muskelfasern in dieser Vene bilden die elektrischen Impulse. Sie sind schuld an dem Chaos in den Vorhöfen. Das Prinzip der Katheter-Ablation: Der Arzt versucht, eine Art Isolierung um die Lungenvene zu legen. Dadurch werden die falschen elektrischen Impulse nämlich nicht mehr weitergeleitet.

Der Patient wird für den etwa zweistündigen Eingriff in einen Dämmerschlaf versetzt. Über einen winzigen Schnitt in der Leiste führt der Arzt drei bis vier Katheter, also biegsame Schläuche, in die Leistenarterie ein. Die schiebt er dann durch Blutgefäße bis zum Herzen. Dort durchsticht er das „Vorhof-Septum“: Das ist die Membran, die den linken vom rechten Vorhof trennt. Für den nächsten Schritt führt er eine Sonde ins Herz ein, die Hitze oder Kälte erzeugt. Damit kann er Punkt für Punkt das Gewebe rund um die Lungenvenen veröden. Dass bei dem Eingriff Gewebe zerstört wird, müsse Patienten nicht beunruhigen, sagt Estner. Das Herz komme gut ohne diese Zellen aus.

Nachteil der Methode: Bei einigen Patienten sei ein zweiter Eingriff nötig. Nach diesem liege die Erfolgsrate aber bei 70 bis 80 Prozent. Risiken birgt jedoch auch dieses Verfahren: Bei manchen Patienten bildet sich ein großer Bluterguss an der Leiste. Sehr selten kommt es zu einem Schlaganfall oder einer Blutung im Herzen.

Vorhofflimmern: Die sechs wichtigsten Tipps

Ein paar Pillen zu schlucken – das reicht bei Vorhofflimmern nicht. Patienten müssen auch selbst etwas tun. Hier unsere Tipps.

Abnehmen: Übergewichtige sollten abnehmen. Verlieren Patienten mit Vorhofflimmern zehn Prozent ihres Gewichts, wirke das neuen Studien zufolge ähnlich gut wie Medikamente, sagt Kardiologin Prof. Heidi Estner.

Aktiv werden: Leichter Ausdauersport ist gut fürs Herz – gegebenenfalls in einer sogenannten Herzsportgruppe. Hier finden Sie eine in Ihrer Nähe: www.dgpr.de/herzgruppen

Keine Zigaretten, wenig Alkohol: Rauchen macht das Blut zähflüssiger – das erhöht die Schlaganfallgefahr zusätzlich. Alkohol kann die Wirkung der Medikamente stören und Vorhofflimmern auslösen. Mal ein Gläschen Wein oder Bier ist aber erlaubt. Herzgesund essen: Patienten sollten sich ausgewogen ernähren. Dazu gehört viel Gemüse und Obst, regelmäßig Getreide- und Milchprodukte sowie Fisch, aber nur in Maßen Fleisch, Wurst und Eier. Eine spezielle Diät brauchen sie nicht.

Aufpassen bei Kohl & Co.: Vitamin K mindert die Wirkung einiger Gerinnungshemmer wie „Marcumar“. Viel davon steckt etwa in Spinat und verschiedenen Kohlsorten. Patienten müssen darauf nicht verzichten. Sie sollten aber täglich etwa die gleiche Menge Vitamin K aufnehmen. Der Arzt passt die nötige Dosis der Arznei entsprechend an.

Sich informieren: Broschüren zum Herunterladen im Internet und weitere Informationen gibt es bei der Deutschen Seniorenliga unter www.dsl-vorhofflimmern.de, beim Kompetenznetz Vorhofflimmern unter www.kompetenznetz- vorhofflimmern.de oder bei der Deutschen Herzstiftung unter www.herzstiftung.de.

Der Experten-Ratgeber „Gerinnungshemmung bei Vorhofflimmern“ der Deutschen Herzstiftung informiert leicht verständlich über den aktuellen medizinischen Kenntnisstand der gerinnungshemmenden Therapie von Vorhofflimmern. Der Band (48 S.) kann angefordert werden unter www.herzstiftung.de/gerinnungshemmer oder telefonisch 069 9551258-400.

Eppner Andrea

So erkennen Sie einen Schlaganfall

Video

Krätze breitet sich in Deutschland aus

Krätze breitet sich in Deutschland aus
Video

Immer müde? Das könnten die 5 Gründe sein

Immer müde? Das könnten die 5 Gründe sein

Kommentare